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CONCORDE-KRISENSTIMMUNG

Das Concorde-Projekt wird vielleicht überleben, aber - so schreibt unser Korrespondent aus London - die britische Regierung und British Airways haben es nun in aller Welt bekanntgemacht, daß das anglo-französische SSTProgramm niemals auf wirtschaftlicher Basis lebensfähig seln und daß das Flugzeug im Einsatz keine Gewinne einfliegen wird. Mr. Wedgwood Benn, Industrieminister in der neuen LabourRegierung, hat in der letzten Woche vor dem Parlament erklärt, daß der Programmstatus "schlechter sei, als er sich vorgestellt hätte".

Die Concorde, die den britischen Steuerzahler bisher insgesamt 400 Mio, Pfund gekostet hätte, könne ihn bis 1978 weitere 515 Mio. Pfund kosten, wenn die Serienproduktion mit der geplanten Maximalrate voranschreitet, wenn aber keine weiteren Flugzeuge mehr verkauft werden. Auch wenn die Verkäufe mit dem Flugzeugausstoß gleichziehen, würden die Extrakosten an öffentlichen Geldern in den nächsten vier Jahren 385 Mio. Pfund betragen, vorausgesetzt, daß das Programm in vollem Rahmen voranschreitet. Die British Aircraft Corporation und Aerospatiale bauen zur Zeit 16 Einheiten des Überschallverkehrsflugzeugs, von dem jetzt neun Maschinen verkauft sind. Man hofft, bis 1981 60 Concorde produzieren zu können.

Nicht genug mit den Bemerkungen Mr. Benns: Kürzlich gab British Airways eine Erklärung ab, wonach die Gesellschaft erwartet, pro Concorde-Betriebsjahr eine Summe von 25 Mio. Pfund zu verIieren. Airline-Kreise in London, so schreibt unser Korrespondent weiter, waren im Anschluß an diese Erklärung der Meinung, es sei nicht mehr an den Verkauf eines Flugzeugs zu denken, das seinen Eigentümer so viel Geld koste. Mr. Benn seinerseits führte aus, er bringe diese Tatsachen an die Öffentlichkeit, "weil es Zeit sei, den Schleier der Geheimhaltung zu lüften" und weil es der Wunsch der Regierung sei, die Meinung im Lande zu hören, bevor man eine Entscheidung treffe. Diese werde ungefähr Ende Juni fallen.

Benn, ein Politiker, der gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, hat aufsehenerregende Besuchsreisen zum Werk Bristol von BAC unternommen. In Bristol, das gleichzeitig die "Heimat der Concorde" und Benns Wahlbezirk ist, würden ca. 12000 Belegschaftsmitglieder ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn das ConcordeProjekt scheitern sollte. Benn, der dem extrem linken Flügel seiner Partei angehört, hat zur Sprache gebracht, es sei jetzt an der Zeit, die britische Luftfahrtindustrie zu verstaatlichen. Benn ließ außerdem wissen, "er habe sehr hart gearbeitet, Concorde zu einem Erfolg zu machen". Seine Haltung ließ den Eindruck entstehen, als habe er große Anstrengungen unternommen, im Fall der Fortführung des Concorde-Programms sicherzustellen, Anerkennung von den Wählern seines Wahlkreises zu ernten. Im Fall, daß die britische Regierung nach eingehender Beratung mit der französischen Seite das Programm beenden oder zumindest beschneiden sollte solle ihn andererseits keine Schuld an dieser Entscheidung treffen.

Die Regierung Frankreichs ist nach Aussagen französischer Kreise in London der Ansicht, daß der britische Premierminister Wilson auf keinen Fall einen Abgeordneten aus dem Wahlkreis Bristol in die Regierung berufen hätte, wenn er am "Ableben" des Concorde-Projekts interessiert sei. Französische Offizielle wären demnach nicht überrascht, wenn irgendein Zusammenhang zwischen einer britischen Entscheidung zugunsten der Concorde und einer positiven französischen Haltung gegenüber den Forderungen Mr. Wilsons nach Änderungen der britischen EWG-Mitgliedschaft bestünde.

Die Concorde, so schließt unser Korrespondent seinen Bericht, wird also mehr und mehr zu einem politischen Flugzeug .und verliert zunehmend an Attraktivität als Verkehrsflugzeug, obwohl die Herstellerfirmen nach wie vor hoffen, daß nach der Indienststellung das Interesse der Erste-Klasse-Passagiere auf der Atlantikroute und anderen Langstrecken geweckt werden könne.


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Last updated 21 May 1999
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