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SPACELAB-ENTSCHEIDUNGEN

Heausragendes Ereignis der europäischen Raumfahrt ist die Anfang Juni getroffene Entscheidung zur Entwicklung und zum Bau des europäischen SPACELAB durch das von der ERNO Raumfahrttechnik GmbH, Bremen, geführte Konsortium. Aus dem "Kopf-an-Kopf-Rennen" ist ERNO damit als Sieger hervorgegangen. Wie sehr es ein solches Rennen war, geht aus den offiziellen Begründungen hervor. Nach Abgabe der Angebote der beiden konkurrierenden SPACELAB-Konsortien VFW-Fokker/ERNO und Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) hat das European Space Research and Technology Centre (ESTeC) in sogenannten Panels die Angebote nach verschiedenen Kriterien bewertet. Das Tender Evaluation Board (TEB) des ESTeC hat sodann das Ergebnis dieser Bewertungen ausgewertet und war zum Ergebnis gekommen, daß beide Angebote technisch und finanziell akzeptabel und von hoher Qualität seien und daß aus 1000 möglichen Punkten ein Unterschied von 12 Punkten zugunsten von MBB (662,5 : 650,1) bestehe, wobei in den Bereichen "Gesamtsystem" und "Untersysteme" - also der Technik - VFW-Fokker/ERNO einen leichten Vorsprung erreichte, während dies MBB für das "Management" gelang.

Das TEB sah sich aufgrund dieses äußerst geringen Punktunterschiedes nicht in der Lage, eine Wahl zwischen beiden Teams zu empfehlen. Entsprechend dem von vornherein geplanten Ablauf hat anschließend das sogenannte übergeordnete Adjudication Committee unter Leitung des Generaldirektors der ESRO (European Space Research Organization) den Bericht des TEB im Detail diskutiert. Dieses Komitee hatte sich nicht nur mit den Kriterien "Gesamtsystem", "Untersysteme" und "Management" zu befassen, sondern darüber hinaus u. a. auch mit folgenden Kriterien, die nicht Gegenstand der Punktebewertung gewesen waren: Preis, geographische Verteilung, Erfüllung der Verpflichtung der ESRO aus dem ESRO/NASA-Memorandum of Understanding, bessere Eignung des technischen Konzepts für die späteren Belange der Benutzer, Konsortialführung.

Unter Berücksichtigung aller Umstände hat der Generaldirektor der ESRO gegenüber dem Administration and Finance Comittee (AFC) die Empfehlung ausgesprochen, den Vertrag für die Entwicklung des. SPACELAB an das VFW-Fokker/ERNO-Team zu vergeben. Er hat hierzu insbesondere folgende Gründe aufgeführt:

1. Das technische Konzept von VFW-Fokker/ERNO wird als überlegen angesehen und verwendet in umfassendem Maße Entwurfsmerkmale mit niedrigen Kosten.

2. VFW-Fokker/ERNO bietet einen höheren Stand der technischen Vorbereitung und des Konstruktionsdetails für den sofortigen Beginn der Entwicklung (Phase C/D) an. Durch die Wahl des. VFW-Fokker/ERNO-Konzepts wird die Organisation somit in eine bessere Lage versetzt, ihre Verpflichtungen gemäß dem. ESRO/NASA-Verständigungsprotokoll zu erfüllen. Hierzu gehört insbesond ere die Notwendigkeit, mit der NASA ein Entwurfskonzept am Ende der B-Studien zu vereinbaren.

3. Der Grad der an die Benutzer gegebenen Befriedigung und die Eignung des VFW-Fokker/ERNO-Konzepts im Hinblick auf die Wünsche der Benutzer ist überlegen.

4. VFW-Fokker/ERNOs Angebot zeigt eine besondere Stärke bei den Aspekten des "Top-Management", z. B. SPACELAB-Aufsichtsrat, hierarchische Stellung des Projektleiters und daraus resultierender Zugriff zu allen personellen und materiellen Kapazitäten des Konzerns.

5. Die ESRO hat die "Reparierbarkeit". der Mängel beider Angebote untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß die des VFW-Fokker/ERNO-Teams leichter korrigiert werden können - und zwar deshalb, weil einige von ihnen erst später in dem Projekt zum Tragen kommen, z. B.: VFW-Fokker/ERNOs untere Management- und Projektkontrollbereiche können die notwendige Stärkung sehr wohl innerhalb des ersten Vertragsjahres erhalten; die "Inkonsistenzen", beim Integrations- und Testbereich der VFW-Fokker/ERNO können vor 1976 -1977 angeglichen werden.

Andererseits würden die Mängel von MBB - in erster Linie in den Bereichen. des. Konfigurationsentwurfes und der Teilsysteme - einer unverzüglichen Korrektur bedürfen; dies würde eine starke Auswirkung auf den anfänglichen Zeitplan, den Aufbau von Arbeitskräften und die Finanzierung haben.

6. Der von VFW-Fokker/ERNO angebotene Preis ist - nach Normalisierung zu Vergleichszwecken - 8 Mio. Rechnungseinheiten (ca. 30 Mio. DM) oder ungefähr 4,5 Prozent niedriger für die Phase C/D als der von MBB. Darüber hinaus sind die Schätzungen für den Preis von Nachfolgeproduktionen (obgleich nicht endgültig bindend) um 12 Mio. Rechhungseihheiten oder 15 Prozent niedriger wegen der extremen Verträglichkeit (Gleichheit) der Teile miteinander,. und der innewohnenden Einfachheit der Konfiguration. Es wird erwartet,. daß auch die Betriebskosten niedriger sein werden.

Zu den wichtigsten SPACELAB-Entwurfskriterien zählte die Forderung nach der Entwicklung in einem Kostenrahmen. Das Budget für den Entwicklungsauftrag beträgt 180 Mio. Rechnungseinheiten.

Soweit die Fakten zum SPACELAB-Programm, die milliardenschwere Eintrittskarte Europas in die für irdische Zwecke besonders interessante Phase der bemannten Raumfahrt.

Für die Nutzung des Raumlaboratoriums arbeiten DFVLR und GfW ein koordiniertes deutsches Programm aus. Eine interne GfW-Studie "Vorgehensweise zur Nutzung des Spacelab" wurde vor einiger Zeit fertiggestellt. Die "Vorgehensweise" soll bis Ende dieses Jahres ein Papier erbringen, das einer Angebotsaufforderung für interessierte Wissenschaftler gleichkommt. Nachdem erst in letzter Zeit ein Nutzerinteresse in der. Bundesrepublik Deutschland bzw. in Europa aktiviert wurde, besteht das grundsätzliche Problem, daß die entsprechenden Etatansätze erst geschaffen werden müssen. Das Etatproblem wird noch dadurch erschwert, daß das Raumfahrtbudget der Bundesrepublik Deutschland "gestrafft" wird (so der offizielle Ausdruck), was einer Verminderung gleichkommen dürfte.


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Last updated 23 August 1999
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