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Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Profile | Datafiles | FR 1/75 SYMPHONIE: ERSTER EUROPÄISCHER NACHRICHTENSATELLIT
Symphonie ist im Rahmen eines deutsch- französischen Regierungsabkommens aus dem Jahre 1967, das den Bau zweier Flugeinheiten und der dazugehörigen Erdefunkstellen vorsieht, von dem Firmenkonsortium CIFAS (AEGTelefunken, MBB, Siemens aus der Bundesrepublik, SAT, Aérospatiale, Thomson-CSF aus Frankreich) entwickelt worden. Ursprünglich sollte der Satellit bereits 1973 mit Hilfe der Trägerrakete Europa II gestartet werden, mußte aber nach der Aufgabe dieses Trägerprojekts auf die amerikanische Thor-Delta-Rakete umgestellt werden. Das führte zu einer Verschiebung des ersten Starts auf diesen Dezember. Die zweite Symphonie-Einheit soll nun im Mai 1975 gestartet werden. Die Trägerrakete wird den Satelliten zunächst in eine elliptische Transferbahn bringen, die anschließend mit Hilfe des Apogäumsmotors im Satelliten in eine kreisrunde geostationäre Bahn 36000 km über dem Äquator umgewandelt wird. Dort werden fünf Jahre lang umfangreiche Versuchsreihen auf den verschiedensten Gebieten der Fernmeldetechnik durchgeführt werden. Symphonie ist ein reiner Ekperimentalsatellit, mit dessen Hilfe die notwendigen technischen und praktischen Erfahrungen für den Bau und den Betrieb künftiger regionaler Nutzsatelliten - Nachrichten-, Wetter-, Navigations- und Erderkundungssatelliten - gesammelt werden sollen. Eine kommerzielle Nutzung außer auf rein nationaler Ebene oder in streng begrenztem Umfang nach Absprache mit Intelsat ist wegen der von der Bundesrepublik und Frankreich mitunterzeichneten Intelsat-Verträge ausgeschlossen. Insbesondere ist Symphonie als Vorläufer des europäischen Versuchssatelliten OTS (Orbital Test Satellite) und des späteren Fernmeidesateilltensystems ECS (European Communications Satellite) anzusehen. Zum bereits festgelegten Versuchsprogramm für Symphonie gehören zunächst etwa 40 technische Versuche, die sich von grundlegenden Funktionsprüfungen bis hin zur Erprobung neuer Übertragungsverfahren erstrecken, über ein Jahr dauern werden und nur mit den beiden eigens für Symphonie errichteten Erdefunkstellen Raisting in Oberbayern und Pleumeur-Bodou in der Bretagne durchgeführt werden. Dabei soll u.a. das digitale Übertragungsverfahren TDMA (Time Division Multiple Access = Vielfachzugriff-Verfahren im Zeitmultiplex) erprobt werden, das hier zum ersten Mal betriebsmäßig eingesetzt wird. Bei diesem Verfahren werden die verschiedenen Übertragungskanäle nicht mehr wie bisher verschiedenen Frequenzbändern, sondern verschiedenen Zeitintervallen zugeordnet, was eine wesentlich bessere Ausnutzung der Übertragungskapazität erlaubt. Weitere Versuche durch eine Reihe von deutschen und französischen Organisationen, vor allem mit kleinen Erdefunkstellen, werden noch vorbereitet. Sie könnten neben Fernseh-, Rundfunk- und Telefonübertragungen nach Afrika und den Karibischen Inseln u. a. auch experimentelle Verbindungen mit dem sowjetischen Molnya-System, Versuche mit dem semidirekten Fernsehen (wobei kleine Erdefunkstellen die Sendungen empfangen und über Kabel oder lokale Sender verteilen) und Verbindungen zu den immer bedeutender werdenden Offshore-Bohrinseln umfassen. Für die Industrie stellte das Symphonie-Programm eine außerordentliche technische Herausforderung dar. Weil die Ausleuchtzonen eines regionalen Satellitensystems kleiner sind und daher eine schärfere Bündelung erfordern, mußte der Satellit komplizierter, seine Antennen größer und seine Lagestabilisierung genauer werden. Dagegen konnten die Erdefunkstellen kleiner sein. In diesen beiden Punkten liegt übrigens der Hauptunterschied zwischen Symphonie und den für den interkontinentalen Nachrichtenverkehr ausgelegten Intelsat-Satelliten. Um den hohen Forderungen gerecht zu werden, mußten bei fast allen Untersystemen Neuentwicklungen vorgenommen werden. Das machte auch den besonderen Reiz des Projekts aus, denn wer möchte schon etwas nachentwickeln, das bereits existiert? Wegen der für einen Regionalsatelliten erforderlichen genaueren Bahn- und Lageregelung mußte beispielsweise erstmals eine Dreiachsenstabilisierung vorgesehen werden. Dazu entwikkelte die Firma Teldix für die Lageregelung ein Drallrad, daß auch bei künftigen Intelsat-Satelliten verwendet werden soll und die Firma MBB schuf für die Bahnregelung ein Zweistufengassystem mit 1 kp-Triebwerken. Weiteres technisches Neuland wurde mit der Entwicklung des Zweistoff-Flüssigkeits-Apogäumsmotors von MBB betreten, Während AEG-Telefunken und Siemens ein neues Transponderkonzept für 4-6 GHz entwickelten, um nur einige Beispiele zu nennen. Alle diese Arbeiten haben die beteiligten Firmen in die Lage versetzt, sich an noch ehrgeizigeren Raumfahrtprojekten zu beteiligen und die gewonnenen Erkenntnisse bei anderen, zum Teil erdgebundenen Vorhaben zu verwerten. Darüber hinaus haben die beiden größten Raumfahrtindustrien Kontinental-Europas vieles über das Management gemeinschaftlicher Großprojekte gelernt. Ein Wort noch zu den bisherigen Kosten des Symphonie-Unternehmens: Mit insgesamt DM 300 Mio. liegt der deutsche Finanzbedarf sogar unter dem im Februar 1970 kalkulierten Niveau, dies vor allem dank dem Wegfall der Beiträge an ELDO und der Abwertung des Dollars. Zieht man die früheren, Ausgaben für Europa II ab, so verringern sich die direkten Kosten des Symphonie-Systems für die Bundesrepublik auf DM 243,8 Mio.; davon sind DM 203,1 Mio. für den Satelliten, DM 31,4 Mio. für die NASA-Trägerrakete und DM 9,3 Mio. für die Erdefunkstellen anzusetzen. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, daß ein großer Teil der Hardware im Rahmen der Festpreisverträge geliefert wurde. Schließlich sei daran erinnert, daß Symphonie und der am 8. Dezember zu startende deutsch-amerikanische Satellit Helios die letzten bilateralen Raumfahrtprojekte der Bundesrepublik darstellen. In Zukunft will man sich nur an multilateralen - in erster Linie europäischen - Vorhaben beteiligen. Und in der noch weiteren Zukunft rechnet die Bundesregierung damit, daß die Raumfahrtindustrie Nutzsatelliten auf rein kommerzieller Basis, d. h. ohne Staatshilfe, wird entwikkeln und verkaufen können. Joan Rieck
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