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KRIEG GEGEN DEN WESTEN

Seit seiner Korrespondententätigkeit für britische Zeitungen in der damaligen US-Zone Deutschlands gilt unser Autor Arthur J. Wallis als Kenner kommunistischer Expansionspolitik.

Die Planer der NATO gaben anläßlich eines Besuches von US-Präsident Ford und Außenminister Dr. Kissinger in Vorbereitung des Gipfeltreffens im Frühsommer einen umfassenden Überblick über die militärischen Fähigkeiten der Allianz - den detailliertesten Bericht seit 1967. Später sagte Präsident Ford, die NATO habe "ein neues Gefühl von Einigkeit und Zuversicht in den Vereinigten Staaten gewonnen". Aber von ebenso großer Bedeutung ist es, so wird in diesem Artikel ausgeführt, wie groß das Vertrauen ist, das Amerika angesichts der reduzierten europäischen Verteidigungsbudgets in manche seiner Verbündeten setzen kann.

Der Autor dieses Artikels hatte vor kurzem Gelegenheit, in ausführlichen Gesprächen mit militärischen, diplomatischen und politischen Exponenten in Washington und Europa die reale Stärke, aber auch den Geist der Allianz zu diskutieren. Dies ist der erste von zwei Artikeln, während in einem dritten Teil ein international anerkannter Militärkommentator und Stratege die Lage einer Bewertung unterziehen und darlegen wird, was getan werden muß, um die NATO wirksamer zu gestalten, damit sie im "Krieg gegen den Westen" überlebt.

Als Präsident Ford das US Marine Corps in Marsch setzte, um die Mannschaft des gekaperten Containerschiffes Mayaguez im Golf von Siam zu befreien, wurde diese Aktion zu einem Präzedenzfall, der Rückwirkungen auf alle militärischen Aktionen der USA haben wird. Der Präsident handelte nämlich angesichts der Kriegsakte (War Powers Act), die im April 1973 aus der Verbitterung und Ernüchterung der Watergate-Affäre heraus erlassen worden war und die Befugnisse des Präsidenten bei militärischen Aktionen ernsthaft beschnitten hatte. Mayaguez war eine Art Testfall dafür, ob der US Präsident als Oberster Befehlshaber trotzdem schnell und entschieden in einem nationalen Notfall reagieren könne.

Das Unternehmen demonstrierte - wenn auch nicht völlig erfolgreich - die amerikanische Entschlossenheit und unterstrich die verbalen Versicherungen, daß Amerika in einem Notfall nicht abseits stehen würde, Versicherungen, wie sie von Präsident Ford bei seinem Besuch in Europa den NATO-Mitgliedern gegeben worden waren.

Die Reaktionen des Kongresses wären natürlich unterschiedlich gewesen, wenn sich die Feindseligkeiten auf das Festland ausgedehnt hätten und das Weiße Haus erst um parlamentarische Bestätigung der Aktion des Präsidenten nachgesucht hätte, wie es die Kriegsakte eigentlich vorsieht. So wie es schließlich lief, hatte niemand Veranlassung dazu, Einwände zu erheben.

Im Hinblick auf die Ereignisse in Vietnam stellten die Verbündeten Amerikas die Frage: "Kann man sich auf Amerikas Worte und Versicherungen noch verlassen?" Die beste Antwort darauf findet man wohl in Amerika selbst. Der Flug nach Washington in einer VC-10 des RAF Transport Command (die RAF führt einen wöchentlichen Pendeldienst zwischen Großbritannien, Kanada und den USA durch) war eine anregende Erfahrung nach vielen Reisen in Verkehrsflugzeugen. Auf dem RAF Stützpunkt Brize Norton in Oxfordshire wurden wir pünktlich geweckt, genau zum angegebenen Zeitpunkt zum Flugzeug gebracht und starteten und landeten genau nach Flugplan. Die Militärs haben eben viel für strikte Pünktlichkeit übrig.

Wenn man Washington nach vielen Jahren wieder besucht, kann man das Vertrauen auf die Fähigkeitdes Westens zur Vorherrschaft wieder neu gewinnen. Aufgrund vieler Eindrücke und Gespräche im Pentagon, im Außenministerium und im Kapitol wird einem Europäer deutlich, daß es nicht sosehr die Frage ist, ob man sich auf Amerika, sondern ob Amerika sich auf seine Alliierten verlassen kann, wenn es ihr Gewicht in der NATO in die Waagschale wirft.

Bei einem Aufenthalt in der amerikanischen Hauptstadt kann man das moralische Fieber der Vietnam-Nachwehen deutlich spüren. Ein Besuch an der Westküste unterstrich den Eindruck der Macht, die das Hauptarsenal der Freien Weit darstellt, und die Führungsrolle in den entscheidenden Bereichen der fortschrittlichen Rüstungstechnologie.

Rechtzeitig in Europa zum Aero Salon Paris zurück, gewann man einen optischen Eindruck von den Fähigkeiten der westeuropäischen Luft- und Raumfahrtindustrie auf den Gebieten des Flugzeug- und Triebwerksbaues, der Lenkwaffen und Avionik. Die Präsenz der Sowjets war - wegen der nur zivilen Beteiligung - wie immer irreführend. Die Russen zeigen eben in Paris, oder auch in Hannover, nicht alles, was sie haben.

Der Aero Salon in Paris fiel mit dem NATO-Gipfeltreffen in Brüssel zusammen. Dafür hatten die NATO-Planer eine umfassende Bestandsaufnahme der militärischen Fähigkeiten der Allianz ausgearbeitet. Obwohl das Defence Planning Committee jährlich die Richtlinien aus den Ministerien auf den neuesten Stand bringt, hat es seit 1967 keine größere Revision mehr gegeben. Zum ersten Mal wurde eine nicht geheime Version der ministeriellen Richtlinien zugänglich gemacht. Im Hinblick auf den Warschauer Pakt werden darin folgende Punkte angeführt:

  • Die militärische Stärke ist wesentlich größer, als sie zur Selbstverteidigung notwendig wäre.
  • Nachdem die Sowjets mit den USA im Bereich der strategischen Nuklearwaffen gleichgezogen haben, versuchen sie nun, eine Vormachtstellung zu gewinnen.
  • In der konventionellen Rüstung der Staaten des Warschauer Paktes wurden qualitative Fortschritte gemacht, vor allem auf dem Gebiet der Offensiv-Waffen.
  • Besonders die sowjetischen Marinestreitkräfte sind nun in der Lage, ohne Angriff auf NATO-Territorium gegen NATO-Marinestreitkräfte oder Seeverbindungswege eingesetzt zu werden.
  • Solange im Warschauer Pakt kein entgegengesetzter Trend zu beobachten ist, muß die Kampfkraft der NATO-Verbündeten mindestens auf dem jetzigen Niveau gehalten werden.
  • Die Verteidigungshaushalte müssen die Inflationsrate und die steigenden Personalkosten voll ausgleichen, andererseits bei den meisten NATO-Mitgliedern aber auch steigende Mittel für neue Beschaffungen vorsehen.

Der letzte Punkt war ein rechtzeitiger Fingerzeig für jene Länder, die ihre Verteidigungslasten zwar reduzieren wollen, dabei aber immer vor der Gefahr warnen. General Steinhoff, der frühere Vorsitzende des NATO Military Committee, stellte fest, daß der Beitrag mancher Allianz-Mitglieder so gering sei, daß sie praktisch nur "Operetten-Waffen" aufrechterhielten und die Allianz Gefahr laufe, sich zu einem Militär-Museum zu entwickeln. Der britische Verteidigungsminister Roy Mason kündigte im März Kürzungen seines Haushalts in Höhe von 4,7 Mrd. Pfund in den nächsten zehn Jahren an, führte dabei aber "die bestehende Bedrohung durch die wachsende Stärke des Warschauer Paktes" an sowie "steigende sowjetische Anstrengungen zur Modernisierung und Neuausrüstung der Streitkräfte des Warschauer Paktes, die immer mehr die Vorteile unterhöhlt, die die NATO früher durch die Qualität ihrer Waffen hatte!"

Diese Streitkräfte, so stellte das britische Verteidigungsweißbuch fest, "sind auf eine Weise zusammengesetzt, ausgerüstet und stationiert, die es erlaubt, in relativ kurzer Zeit Angriffs-Operationen durchzuführen."

Einen Monat später kündigte der britische Schatzkanzler weitere Kürzungen des Verteidigungshaushalts in Höhe von 110 Mio. Pfund an. Die Kürzungen haben insgesamt dazu geführt, daß der Prozentsatz der Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt von 5,5 Prozent auf 4,5 Prozent gesunken ist.

Die USA haben mit einer Rate von knapp unter 6 Prozent durchaus das Recht, diejenigen Alliierten zu größeren Anstrengungen anzuhalten, die nicht mehr als 3 % ihres Bruttosozialprodukts für ihre eigene Sicherheit ausgeben. Verteidigungsminister Schlesinger kann sich wohl beklagen, daß manche NATO-Länder eine Art "Freifahrtschein'' unter amerikanischem Schutz haben. Präsident Ford betonte dazu in Brüssel nachdrücklich, die Allianz müsse auf der Basis uneingeschränkter Partnerschaft aufrechterhalten werden und nicht mit "Teilmitgliedschaften oder Spezialabkommen''.

Wenn man die Stimmungen und Trends im Kapitol und die Gedanken der amerikanischen Bevölkerung bewertet, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, daß die Gefahr für die NATO nicht in einem Mangel an Entschlossenheit Amerikas liegt, sondern in einem Gefühl der Gleichgültigkeit bei einigen der kleineren Länder, das dazu führen könnte, daß Europa insgesamt seiner Mitverantwortung nicht gerecht wird, woraus wiederum ein Gefühl der Enttäuschung und Erbitterung jenseits des Atlantiks entstehen könnte.

Wirtschaftliche Notwendigkeiten und der Geist der Entspannung werden gewöhnlich als Gründe für Verteidigungskürzungen angeführt. Man verwendet den Begriff "friedliche Koexistenz", der von Lenin geprägt und von Stalin angewandt worden war. In der Definition der Sowjets heißt das: "Verstärkung des internationalen Klassenkampfes mit allen Mitteln außer dem Krieg zwischen den Staaten!"

Der Warschauer Pakt hat sowohl auf politischem als auch auf militärischem Gebiet die Initiative übernommen. Er ist in der Lage, für psychologische und technische Überraschungen zu sorgen, so wie es die Araber gegen die Israelis im Yom Kippur-Krieg getan haben. Sie hatten es verstanden, ihre wahren Absichten zu verbergen, während sie scheinbar nur eine weitere Manöverübung bzw. eine übungsmäßige Kampfaufstellung durchführten. Ebenso wurde die schnelle Invasion der Tschechoslowakei 1968 nicht vorher erkannt - ja nicht einmal bemerkt -, bis praktisch alles schon vorbei war.

Was würde geschehen, wenn eines der routinemäßigen Manöver des Warschauer Paktes nicht an den Grenzen enden, sondern bis an den Rhein vorstoßen würde, so wie die ägyptischen und syrischen Panzer zugeschlagen hatten, um einen Brückenkopf jenseits des Suezkanals zu schaffen? Wie schnell könnte die NATO reagieren? Könnte die NATO mit größerer Entschiedenheit gegen eine Einkreisung Berlins vorgehen als damals, als sich die USA, Großbritannien und Frankreich plötzlich mit der Berliner Mauer konfrontiert sahen?

Nach einem vor einiger Zeit im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erschienenen Artikel ist nur ein Drittel der Amerikaner der Meinung, im Fall eines sowjetischen Angriffs auf Westberlin sollten US-Truppen eingesetzt werden. Ferner ließ eine vom Council on Foreign Relations in Chicago durchgeführte Befragung darauf schließen, die Amerikaner würden eher eine Besetzung Westeuropas durch die Sowjetunion zulassen und ruhig zusehen, wie Israel von den Arabern überrannt werde, als daß sie selbst in die Kampfhandlungen eingriffen.

Diese Meinungen haben in Europa, insbesondere in der Bundesrepublik, vielen Leuten zu denken gegeben. In Washington allerdings nimmt man diese Schlußfolgerungen mit Zurückhaltung auf. Sie stellen - weder in bezug auf Europa noch hinsichtlich Israels - die offizielle Meinung dar, die aus Präsident Fords Erklärung klar hervorgeht, Amerika werde fest hinter seinen Freunden stehen und sich gegen potentielle Gegner entschieden zur Wehr setzen.

Vietnam-Erfahrungen auf Europa anwendbar

War Vietnam - nun einmal rein militärisch gesehen - von irgendwelchem Nutzen und können die Erfahrungen daraus auf Europa angewendet werden? In der pragmatischen und analytischen Art und Weise, mit der Generale an diese Dinge herangehen, könnte man sagen: Ja, Europas Sicherheit hat daraus Nutzen gezogen. Ein General im Pentagon mit Erfahrungen auf dem südostasiatischen und europäischen Kriegsschauplatz wies darauf hin, daß die US Army in der Bundesrepublik jetzt -angefangen von den höchsten bis hin zu den untersten Rängen - über kampferprobtes Personal verfüge. Der Krieg hat ferner den technologischen Fortschritt stimuliert - das Ergebnis waren "smart bombs", Laserführungs- und Nachtsichtgerät sowie andere "Verfeinerungen" der Ausrüstung.

Direkt anwendbar auf den europäischen Kriegsschauplatz ist ferner der Einsatz luftmobilerTruppen, auf die man auch in der Sowjetunion große Stücke hält. Die Verwendung von Luftlandetruppen - eines der erfolgreichsten Kapitel im amerikanischen Vietnam-Einsatz überhaupt - bot die Möglichkeit der raschen Sammlung von Bodentruppen am Konfliktort, verbunden mit taktischer Luftsicherung und Unterstützung. Die US Army und die US Air Force haben in Vietnam bei gemeinsamen Operationen mehr Erfolge erzielt als je nach dem zweiten Weltkrieg.

Auch auf Gebieten wie Führung, Überwachung und taktischem Nachrichtenwesen wurden wertvolle Einsatzerfahrungen gesammelt, vor allem was wirksame Nachrichtenverbindungen zwischen den taktischen Kräften, Zielposition, Gefechtsfeld-Überwachung und -Fotografie bei allen Wetterlagen betrifft.

Dem gesamten Einsatzsystem war in Vietnam ein politisches Genehmigungssystem überlagert, das den politischen.Führern die Kontrolle und die Befehlsgewalt gegenüber den Militärs ermöglichte. Die politische Einflußnahme, die Information über Beachtung und Durchführung, wurde über Entfernungen von 24000 km ausgeübt! Hält man sich die politische Struktur der NATO vor Augen, so. bedeutet diese tagtägliche politische Überwachung der Strategie im Vietnamkrieg eine wertvolle Erfahrung, die auch auf Europa anwendbar ist. Die Staaten des Warschauer Paktes, deren politisches und militärisches Kommando aus einer einzigen autoritativen Stelle stammt, brauchen sich über Probleme dieser Art allerdings nicht den Kopf zerbrechen.

US-Verteidigungsminister James R. Schlesinger hat erklärt, die Sowjets richten ihr Hauptaugenmerk auf die tatsächlichen Machtverhältnisse - sie nennen das "Wechselbeziehung der Kräfte". Aus sowjetischer Sicht bedeutet Entspannung nichts anderes als das Ergebnis einer Verschiebung der Übermacht zugunsten der Sowjetunion und einer Anpassung des Westens an die Expansion der sowjetischen militärischen Kampfstärke. Für diese Denkweise gibt es gute Gründe. Die UdSSR braucht lediglich jene Fakten in ihre Überlegungen einzubeziehen, die in der Aufstellung unten zusammengefaßt sind.

In einem Spezialbericht an den Kongreß der USA hat Verteidigungsminister Schlesinger kürzlich die Stärkung der "abschreckenden Position" der NATO gefordert. Schlesinger gab darin Empfehlungen für die konventionellen und nuklearen Streitkräfte ab und stellte fest, "die konventionellen Streitkräfte seien das schwächste Element im NATO Dreiklang (konventionelle Streitkräfte, taktische und strategische Nuklear-Streitkräfte) und müßten kontinuierlich Priorität gegenüber Verbesserungen an Nuklearwaffen eingeräumt erhalten". Der US-Verteidigungsminister hat als Beispiele für "beträchtliche Unzulänglichkeiten'' die Panzerabwehr-Waffen, Flugzeug-Shelter, die mobile Luftabwehr, die elektronische Kriegführung, moderne Munition und die auf Lager genommenen Reservewaffen angeführt.

Angesichts der wachsenden zahlenmäßigen Ungleichheit bei den konventionellen Streitkräften warnt Schlesinger vor der Möglichkeit, in eine Situation hineinzutappen, in der die konventionellen NATO-Streitkräfte den zahlenmäßig überlegenen Kräften des Warschauer Paktes nicht widerstehen können. "Konsequenterweise", so Schlesinger, "läßt sich dann die Erstanwendung von taktischen Nuklearwaffen durch die NATO nicht ausschließen."

Die NATO verfügt über ca. 7000 taktische Nuklearwaffen. Die Meinungen unter Militärstrategen in den USA und Europa allerdings gehen auseinander, wie lange die NATO einen Angriff aufhalten könne, ehe sie zu Kernwaffen Zuflucht nehmen müsse. Vier Tage, so lautet die pessimistischste Ansicht darüber, die übereinstimmende Meinung hält bis zu 90Tage für möglich.

Ein anderer Bericht, der im Juni dieses Jahres dem amerikanischen Senat unterbreitet wurde, führt an, die NATO-Streitkräfte seien derart zersplittert und unkoordiniert, daß der Einsatz von Nuklearwaffen der einzige Weg sein könnte, einer größeren Invasion vorzubeugen. Dieses Dokument, das von Senator John Culver vorbereitet wurde, sagt aus, die NATO besitze zur Zeit 23 verschiedene Kampfflugzeug-,,Familien'', sieben dieser Familien gebe es bei den Kampfpanzern und 22 sogar bei der Panzerabwehr-Waffen. Während kürzlich durchgeführter Manöver, so heißt es weiter, sei dänischen Panzern die Munition ausgegangen - von deutschen Kräften, die in der Nähe standen, war kein Nachschub erhältlich. Der Mangel an Kooperation, so behaupten die Autoren des Berichts, sei so weit gediehen, daß einige NATO-Flugzeuge nicht einmal auf allen NATO-Stützpunkten aufgetankt werden können .

Angriff zwischen Alpen und Baltikum

Den Hauptangriff gegen Mitteleuropa erwartet man im Gebiet zwischen den Alpen und dem Baltikum. Die NATO-Strategen rechnen damit, daß dieser Angriff von der DDR aus vorgetragen wird, wobei DDR-Truppen als Kampfspitze ins Gefecht geworfen werden sollen. Weiter im Süden werde es Angriffe von Einheiten geben, die in der CSSR stationiert sind. Die Öffnung des Bosporus und der Dardanellen wäre die Aufgabe starker Kräfte, die aus der Region Bulgarien bzw. Odessa zuschlagen würden, wobei sie Unterstützung von der sowjetischen Schwarzmeer-Flotte erhielten, die ihrerseits wieder von bulgarischen und rumänischen Marine-Einheiten verstärkt würden.

Insbesondere die Türkei fühlt sich durch die mächtige Panzer-Streitkraft beunruhigt, die in der Nähe der bulgarischen Grenze stationiert ist. Die Türken haben daher im vergangenen Jahr Schritte unternommen, um die Panzerabwehr-Kapazität der türkischen Armee auszubauen. Im Mittelmeer wäre das Hauptangriffsziel nach Ansicht der NATO-Planung die Sechste Flotte der US Navy. Hier befürchtet man U-Boot- und Kampfflugzeug-Angriffe direkt gegen die amerikanischen Flugzeugträger, deren Flugzeuge von den Sowjets als Bedrohung des Kerns der UdSSR angesehen werden.

Die NATO-Armeen sind nach der Ansicht des britischen Parla mentsmitglieds Julian Critchley, dem Vorsitzenden des Defence and Armaments Committee der Westeuropäischen Union, schlecht gestaffelt: Die schlagkräftigsten Armeen stehen in Territorien, die am leichtesten zu verteidigen sind. Die Streitkräfte der CENTAG - der südliche Teil der Front bestehen aus 33 Brigaden und drei Regimentern der Amerikaner, Deutschen und Kanadier; zwei nicht der NATO zugehörige französische Divisionen stehen in der "Nachhut''. Dagegen besitzt die NORTHAG, die über eine kürzere, aber verwundbarere Grenze verfügt, nur 28 Brigaden deutscher, britischer und belgischer Streitkräfte. Ihre Gliederung im Frieden ist weniger befriedigend als bei der CENTAG. Es gibt aber noch andere Handicaps: NORTHAG hat weniger taktische Nuklearwaffen, weniger Lagerbestände in-Reserve, eine geringere Zahl von Panzern und unzureichende Verstärkungen.

Von allen gewaltigen Kräften, die vom Osten gegen Europa in Stellung gebracht werden, werden die mehr als 5000 taktischen Kampfflugzeuge des Warschauer Paktes mit ihrer Nuklearbewaffnung als gefährlichste Bedrohung beurteilt. Andererseits ist es gerade die Luft, wo der Westen wahrscheinlich den größten technologischen Vorsprung ausspielen kann. Die Sowjetunion verfügt nicht über die Allwetter- oder Präzisions-Bombenwurf-Kapazität der NATO-Streitkräfte, die im Avionikbereich eine klare Führungsposition einnehmen. (Zusammensetzung und Einsatzrolle der einander gegenüberstehenden Luftstreitkräfte werden in einem weiteren Artikel behandelt.)

Während der oben beschriebene Einsatzplan von NATO-Planern als realistische Beschreibung der Bedrohung angesehen wird, erscheint mir ein direkter Gesamtangriff der Staaten des Warschauer Paktes zur Zeit relativ unwahrscheinlich zu sein. Natürlich gibt es immer die Gefahr, daß ein Konflikt anderswo - zum Beispiel im Mittelmeerraum und Mittleren Osten - eine Konfrontation der Supermächte mit sich bringen könnte. Das ist auch der Grund dafür, daß Amerika, in der Person seines Präsidenten Ford und seines Außenministers Kissinger, neuerliche Anstrengungen unternommen haben, das arabisch-israelische Problem einer Lösung zuzuführen oder die Griechen und Türken miteinander zu versöhnen.

Die NATO hat im vergangenen Jahr kein sehr glückliches Jubiläum gefeiert, und die Flut gegen den Westen schien auch 1975 noch zuzunehmen. Aber es gibt Anzeichen für eine Verbesserung der Lage. Unter europäischen Politikern sollte - so drückte es US-Präsident Ford aus - kein Zweifel darüber herrschen, "daß die Vereinigten Staaten von Amerika uneingeschränkt und eindeutig zu jenen Verpflichtungen stehen, die man eingegangen sei, als das nordatlantische Bündnis geschlossen wurde."

Die Stimmung im Kongreß, die heute Oberhand gewinnt und die sich seit meinem Besuch in, Washington noch weiter gefestigt hat, steht in scharfem Gegensatz zur Stimmung in den letzten Tagen des Vietnamkrieges, als es sogar Forderungen gab, die US-Truppen aus Gesamt-Indochina abzuziehen und die Truppenstärke in Europa drastisch zu reduzieren.

Ende Mai dieses Jahres sprach sich das Repräsentantenhaus mit 311 gegen 95 Stimmen gegen eine Regelung aus, mit der bis 1. Oktober 1976 70000 von insgesamt 416500 landstationierten US-Truppen im Ausland abgezogen werden hätten sollen. Die Gesamtstärke der US-Streitkräfte in Europa (alle drei Teilstreitkräfte) liegt bei 300000 Mann. Davon entfallen 190000 auf die US Army in Europa, die sich aus der siebenten US-Armee in Frankfurt und Stuttgart zusammensetzen.

Tatsächlich soll die US Army in Europa um zwei Brigaden verstärkt werden, und durch die Ankunft einer Kompanie von Kampfhubschraubern, die mit TOW-Lenkwaffen ausgerüstet sind, soll ein neues, "durchschlagendes" Element zur Einführung kommen - die Panzerabwehr aus der Luft. Die Bundesrepublik, die den größten nationalen Beitrag zu den Landstreitkräften der NATO liefert, erhöht ihrerseits die Zahl der Heeresbrigaden von 33 auf 36 und verbessert ferner die Panzerabwehr-Kapazität von fünf Infanteriebrigaden.

Und während man in Großbritannien einerseits eingedenk der reduzierten weltweiten Verpflichtungen Abstriche bei den Streitkräften vornimmt, werden andererseits in NATO-Europa die Anstrengungen verstärkt: Die britische Rhein-Armee und die Royal Air Force Germany werden zu den bestausgestatteten Streitkräften des Kontinents zählen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß Großbritannien nach wie vor über eine nützliche Nuklear-Kapazität verfügt.

Die NATO verstärkt ihre Anstrengungen

Amerika, das einzige Land, das es allein mit der Sowjetunion aufnehmen kann, beabsichtigt, zumindest was fortgeschrittene Waffensysteme angeht, mit seinem Gegenspieler gleichzuziehen. Das Verteidigungsbudget des Fiskaljahres 1976, das sich auf $ 32 Mrd. beläuft und - so wie es aussieht - ohne Schwierigkeiten den Kongreß durchlaufen wird, stellt Mittel für das strategische Bomberprogramm Rockwell International B-1 zur Verfügung, ferner für das neue LenkwaffenU-Boot Trident, eine neue luftgestartete Cruise-Lenkwaffe, das Bord-Warn- und Kontrollsystem AWACS (Airborne Warning and Control System), das neue schwere Nahunterstützungs-Flugzeug Fairchild A-10 und andere hochkomplizierte moderne Systeme.

Was diese Waffen im Spiel der Mächte bedeuten, vor allem im Licht der zukünftigen NATO-Strategie und -Kapazität, soll Gegenstand eines weiteren Artikels sein, der sich mit der Konfrontation von Ost und West in der Luft und mit neuen Kampfflugzeuggenerationen beschäftigt. Darunter befindet sich auch die General Dynamics F-16, Europas F-104-Nachfolgemuster.


Die Übermacht hat sich zugunsten der Sowjetunion verschoben (Fakten u. Zahlen)

Die NATO ist in Mitteleuropa bei den Kampfpanzern im Verhältnis 2,5:1 und bei den Flugzeugen im Verhältnis 2:1 unterlegen.

Der Warschauer Pakt verfügt über 40 Prozent mehr Soldaten bei den Kampftruppen als die NATO.

Die US Army wurde seit 1968 um die Hälfte reduziert. Nur 1950 -vor dem Koreakrieg - war ein ähnlicher Tiefstand erreicht.

Im nächsten Jahr wird die Zahl der US Navy-Schiffe, die im aktiven Einsatz stehen, unter 500 absinken - zum ersten Mal seit 1939. Großbritanniens Royal Navy, einst eine bedeutende Marine-Streitmacht, zieht zur Zeit ihre Schiffe aus dem Mittelmeer zurück.

In der Sowjetunion stehen 1547 Interkontinentalraketen einsatzbereit zur Verfügung. Die USA dagegen sind im Besitz von nur 1054 zumeist kleineren und leichteren Raketen. 730 RaketenAbschußstationen auf sowjetischen U-Booten stehen auf amerikanischer Seite 656 gegenüber.

140 strategische Bombenflugzeuge hat die Sowjetunion im Einsatz. In den USA sind es 496 Stück - allerdings in der Überzahl veraltete Boeing B-52.

Während die Verteidigungsausgaben der USA und ihrer Verbündeten laufend absanken, hat die Sowjetunion hier einen stetigen Zuwachs von 3 bis 5 Prozent pro Jahr zu verzeichnen. In der Sowjetunion wird zur Zeit 20 bis 25 Prozent mehr für Rüstungszwecke ausgegeben als in den USA.

Was die politische Seite angeht, so gelangte einerseits Portugal in die kommunistische Einflußsphäre, während im östlichen Mittelmeer die Türkei und Griechenland miteinander uneins sind. Der mächtigen Sechsten Flotte der USA werden von Griechenland Stützpunkte verweigert, und darüber hinaus hat dieses Land seine Absicht bekräftigt, aus der militärischen Organisation der NATO auszutreten.


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Last updated 4. September 2000
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