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KRIEG GEGEN DEN WESTEN

Teil 2 unserer Artikelserie - der vielbeachtete erste Teil erschien in Heft 9/75- führt die Analyse des Kräfteverhältnisses NATO - Warschauer Pakt weiter: Ist der Dritte Weltkrieg für den Westen verloren, ehe er überhaupt erst begann?

Bei der Feindlage-Beurteitung gibt es häufig eine fehlende "Zutat": das Motiv, warum sich ein Gegner anders verhält, als er sich nach allen Gründen der Vernunft eigentlich verhalten müßte. Darüber können auch Spionage-Satelliten und empfindlichstes Radar- und Abhörgerät keine Auskunft geben. Die Elektronik zeichnet ja Vorgänge auf: eine Veränderung innerhalb eines gewohnten Ereignismusters, einen unterschiedlichen neuen Faktor, eine unheilvolle neue Entwicklung. Das menschliche Gehirn klärt die Ursache auf, die hinter all dem steckt. Manchmal kann sich aber das einfachste Verhaltensmuster einer Erklärung entziehen.

So sehen sich die NATO-Air Commander zur Zeit in Deutschland mit einer einfachen Tatsache konfrontiert. Aber die Ursache dafür bleibt ein Geheimnis. Warum erfliegen die sowjetischen Luftstreitkräfte im vorgeschobenen Gebiet weniger Flugstunden als die in Mitteleuropa stationierten Luftstreitkräfte der NATO? Schließlich sind doch die NATO-Luftstreitkräfte harten Treibstoffeinschränkungen und anderen Sparmaßnahmen unterworfen. Es ist kaum wahrscheinlich, daß sich die sowjetischen Kommandanten über Geldeinsparungen übertriebene Gedanken machen oder darüber beunruhigt sein müssen, woher die nächsten paar tausend Liter Treibstoff kommen. Außerdem kann es kaum einen Mangel an gut ausgebildeten Mechanikern geben.

Könnte es sein, daß die neue Generation sowjetischer Kampfflugzeuge, die jetzt in vorgeschobenen Gebieten wie in der DDR inDienstgestelltwerden, zuwenig Industrie-Unterstützung erhalten? Daß Störungen in hochkomplizierten Avionikgeräten nicht ohne Schwierigkeiten in Ordnung gebracht werden können?

Ein Mangel an Industrie-Unterstützung, als eine mögliche Erklärung ins Spiel gebracht, wäre noch kein ausreichender Grund für einen Piloten, nicht mit seinem Flugzeug zu starten, selbst wenn eine der "black boxes" fehlt. Denn Flugtüchtigkeit ist in einem Kriegsmilieu lebenswichtig. "Es ist mysteriös", erklärte ein erfahrener Commander. "Ich habe darüber eine Menge Fragen geäußert. Aber niemand scheint eine Antwort bereitzuhaben."

Die Überwachung der Vorgänge hinter dem Eisernen Vorhang zeigt einige interessante Einsatz-Muster auf. Luftübungen werden abgesagt, wenn sich das Wetter verschlechtert. Und die Piloten des Warschauer Paktes führen ihre Flüge nicht in so großer Bodennähe durch wie die NATO-Piloten. Einer der Gründe für die höheren Einsatzbeschränkungen, denen sowjetische Flugzeuge unterworfen sind, ist ohne Zweifel ein Mangel an Führungshilfen wie z. B. Terrainfolgeradar. Ferner herrschen offensichtlich Mängel vor, die vor allem die Allwetterfähigkeit angeht. Bei der RAF Germany ist es zum Beispiel äußerst selten, daß eine Übung aus Wettergründen abgebrochen werden muß.

NATO-Crews ihren Gegnern überlegen?

Die NATO-Kommandeure können mit Recht darauf hinweisen, daß ihre Flugbesatzungen einsatzmäßig ihren Gegnern um eine Ecke voraus sind: NATO-Piloten werden auf Flexibilität und Initiative hin ausgebildet, während die sowjetisch trainierten Crews sozusagen "mit der Nase im Flughandbuch" fliegen. Was das Flugzeugmaterial angeht, so ist man in der NATO nach wie vor fest überzeugt, daß die eigenen Maschinen überlegen sind, obwohl sich auch hier die Qualitätslücke verengt.

In einer Zeit, in der sich das Mächtegleichgewicht mehr und mehr zugunsten der Sowjets und ihrer Satelliten verschiebt, ist es ermutigend, wenn man Faktoren auftreibt, die die Waagschalen wieder einpendeln helfen. Als Ergebnis der Konflikte im Mittleren Osten zeichnete sich ganz klar die technische Führungsrolle des Westens ab. Während mehrerer Besuche in Israel nach dem Sechstage- und Yom-Kippur-Krieg habe ich mit Kommandanten der israelischen Luftstreitkräfte gesprochen. Sie stuften ihre US-Ausrüstung als jeder anderen übeflegen ein. Sie zeigten sich besondersvon der langen Lebensdauer der US-Flugzeugzellen und -ausrüstung sowie von den langen Zwischenüberhol-Intervallen beeindruckt, die sogar über jenen der französischen Mirage liegen. Auch hatte der typische israelische Pilot immer klare Vorteile gegenüber dem sowjetisch ausgebildeten arabischen MiG-Piloten, dessen Inflexibilität und Mangel an Initiative stark ausgeprägt ist, obwohl auch hier Unterschiede im Temperament und in der Erfahrung eine große Rolle spielen mögen.

Ägyptische Kommandeure, die über britische Ausbildung und über Kampferfahrung im Zweiten Weltkrieg verfügen und sich an den westlichen Standard gewöhnt haben, haben sowjetisches Gerät als robust und durchaus geeignet bezeichnet, den "Job zu tun", gebrauchen aber auch die Worte "überkompliziert" und "technisch rückständig" dafür. Die Ausbildung durch sowjetische Instruktoren nannten sie "übertrieben einfach" - sie sei nur darauf ausgerichtet, eine spezifische Aufgabe auszuführen, ohne ein Breitentraining zu bieten bzw. das Allround-Können zu berücksichtigen, das im Kampf sehr oft benötigt wird.

Sowjetische Philosophie und Taktik basieren auf dem Einsatz von gewaltigen Mengen an Truppen und Material und darauf, jeden Mann und jedes Stück Ausrüstung zur richtigen Zeit an den richtigen Platz zu stellen. Wenn die drahtgesteuerten Panzerabwehr-Lenkwaffen Sagger und Sapper auch nicht annähernd so zuverlässig wie die US-Lenkwaffe TOW funktionierten, so waren sie doch in viel größeren Zahlen im Einsatz, so daß die häufigen Versager nicht kritisch waren.

Panzerdurchbruch im mittleren Abschnitt?

"Im Krieg", sosagte mir ein hoher NATO-Offizier, "spielt Improvisation eine Schlüsselrolle. Sollte in Europa Krieg ausbrechen, so wird er kein Schachspiel mit Zug und Gegenzug sein. Die Situation wird chaotisch sein, und wir müssen uns darauf vorbereiten, das Unerwartete zu tun. Zur Improvisation würde ich noch das Nachrichtenwesen hinzufügen. Wir verleihen unseren Leuten unendlich viel mehr Flexibilität damit. In einer improvisierten Situation und bei einem Zusammenbruch der Nachrichtenverbindungen könnten schließlich Flexibilität und Initiative lebenswichtige Faktoren für einen Erfolg sein."

Im Fall eines Angriffs durch die Streitkräfte des Warschauer Paktes erwarten die NATO-Kommandanten einen gegnerischen Panzerdurchbruch mit großer Wahrscheinlichkeit im Mittleren Abschnitt. Sie sind der Meinung, es sei Aufgabe der Luftstreitkräfte, diesen Durchbruch zum Halten zu bringen und die gegnerischen Kräfte zu binden.

Während man einerseits zur Kampfleistung der eigenen Luftstreitkräfte Vertrauen hat, ist man nichtsdestoweniger über die sich verengende Qualitätslücke beunruhigt. Die Einführung der dritten Generation sowjetischer Kampfflugzeuge in den vorgeschobenen Gebieten hat hier das Bild schlagartig verändert. Es mag allerdings sein, so deutete ein Commander an, daß das nicht notwendigerweise bedeutet, die Sowjets könnten auch mit diesem Gerät umgehen - es ist offensichtlich, daß die Avionik hinter dem fortschrittlichen Zellenbau zurückhinkt. Grund zur Beunruhigung besteht trotzdem.

General John W. Vogt, Kommandeur der Allied Air Forces Central Europe (AAFCE) und der US Air Forces Europe (USAFE) betrachtet diese dritte, Flugzeuggeneration als bedeutende Bedrohung NATO-Europas. Die MiG-23 (NATO-Code Flogger), die Sukhoi Su-17 (Fitter C) und Sukhoi Su-19 (Fencer A), die in großen Zahlen die mit Kanonen bewaffneten Interzeptoren wie die MiG-17 (Fresco) und MiG-19 (Farmer) ersetzen, sind Beispiele für die bezeichnende Verschiebung, die von den Sowjets vorgenommen wurde, von Flugzeugen für die Luftverteidigung zu Flugzeugen mit einer doppelten Einsatzrolle - neben die Luftverleidigung ist noch die Unterstützung von Bodentruppen getreten.

Die MiG-25 (Foxbat), die hohe Fluggeschwindigkeit (Mach 3) mit extrem großer Einsatzhöhe (21350 m) in sich vereint, ist ein schwer zu bekämpfender Gegner. Zur Zeit zeigen sich Flogger und Fitter in großen Zahlen auf vorgeschobenen Flugplätzen. Die gewaltigen, hochmobilen Bodenstreitkräfte des Warschauer Paktes stellen zusammen mit diesen leistungsfähigen Erdkampf-Unterstützungsflugzeugen eine sehr reale Bedrohung dar.

Die Su-19 ist das erste moderne sowjetische Flugzeug, das speziell auf den Angriff von Bodenzielen ausgelegt wurde. Die MiG-23 hat zusätzlich zu ihrer Interzeptor-Aufgabe eindrucksvolle Luftangriffs- und Erdkampfunterstützungs-Fähigkeiten. Diese neuere Generation von Flugzeugen hat nach Ansicht von USAF-General George S. Brown, dem Chairman der US Joint Chiefs of Staff, geradezu dramatische Verbesserungen der Kampfkraft der gesamten sowjetischen taktischen Militärfliegerei mit sich gebracht.

In der Allwetter-Strike-Rolle sind beide Seiten kampfschwach. Das leistungsfähigste NATO-Flugzeug in dieser Kategorie ist die amerikanische F-111 von General Dynamics, die in Großbritannien stationiert ist. Das Äquivalent auf der Seite des Warschauer Paktes, das der F-111 nahekommt, ist die Sukhoi Su-19, die ohne Zweifel die Leistung der F-111 erbringt, wenn auch die Zuverlässigkeit ihrer Avionik-Ausrüstung in Frage steht.

UdSSR verstärkt taktische Luftmacht

Im Juni 1974 genehmigte das Milltärkomitee der NATO die Bildung eines neuen NATO-Hauptquartiers im mittleren Bereich von Europa. AAFCE (Allied Air Forces Central Europe) untersteht dem Kommando des Vier-Sterne-Generals der US Air Force, John W. Vogt, und ist dem AFCENT-Hauptquartier direkt verantwortlich (AFCENT = Allied Forces Central Europe).

Auf der gegnerischen Seite ist das Kommando des Luftverteidigungs-Systems des gesamten Warschauer-Pakt-Bereichs jetzt in Moskau zentralisiert und wird von dem Oberkommandierenden der sowjetischen Luftstreitkräfte geleitet. Zu den sowjetischen militärischen Hauptquartieren im Warschauer Pakt gehören die Nord-Gruppe der Streitkräfte in Legnitza in Polen, die Süd-Gruppe in Budapest, die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR in Zossen-Wünstorf in der Nähe von Berlin und die Mittel-Gruppe in Milovice nördlich von Prag.

Taktische sowjetische Luftstreitkräfte sind in Polen, in der DDR, in Ungarn und in der Tschechoslowakei stationiert. Der Großteil der sowjetischen Luftstreitkräfte ist in der "Front-Luftfahrt-Armee" zusammengezogen, die über ca. 5500 taktische Kampfflugzeuge verfügt, von denen mehr als 4000 für den Einsatz gegen Westeuropa vorgesehen sind. Die Aufgaben dieser Front-Armee umfassen die Errichtung der Luftüberlegenheit Über dem Kampfgebiet, den Luftangriff, die konventionelle und nukleare Bekämpfung von gegnerischen Luftstreitkräften und die Luftnahunterstützung der eigenen Kampftruppen. Die taktische Luftmacht der UdSSR, die im europäischen Raum stationiert ist, hat sich seit der Invasion der CSSR um ca. 40 Prozent verstärkt.

Auf der linken Seite des Rheins liegen die Flugbasen der Allied Air Forces Central Europe. Im Norden ist die Second Allied Tactical Air Force (No. 2 ATAF) stationiert, im Süden steht die No. 4 ATAF. Die No. 2 ATAF setzt sich aus Geschwadern der deutschen Luftwaffe, der Royal Air Force Germany und der Königlich Niederländischen Luftstreitkräfte und der belgischen Luftstreitkräfte zusammen, die von Stützpunkten im eigenen Land aus operieren. No. 4 ATAF umfaßt Geschwader der deutschen, amerikanischen und kanadischen Luftstreitkräfte.

Wenn die 16. Armee der UdSSR von der gut informierten "Internationalen Wehrrevue" als Elite-Einheit innerhalb der sowjetischen Front-Luftfahrt-Armee bezeichnet wird, so könnte man die RAF Germany ebenfalls als einen besonderen Bestandteil der in Europa stationierten NATO-Luftstreitkräfte ansehen.

Die RAF Germany wird zur Zeit auf neue Flugzeugmuster umgerüstet und hat, obwohl durchaus kein Grund zur Großsprecherei und keine Aussicht besteht, in unmittelbarer Zukunft Flugzeugmaterial der dritten Generation zu erhalten, ein geradezu einzigartiges Flugzeug in ihrem Inventar, das - wie manche NATO-Kommandeure glauben - zu einem entscheidenden Faktor im Krieg werden könnte: die Hawker Siddeley Harrier, das erste Einsatz-V/STOL-Kampfflugzeug der Welt. Die drei Harrier-Geschwader, die zur Zeit in Wildenrath in der Nähe der deutsch-holländischen Grenze stationiert sind, werden möglicherweise bald östlich des Rheins, in größere Nähe zur kommunistischen Grenze hin, verlegt. Diese Pläne werden zur Zeit rege diskutiert.

Die Stärke der Harrier liegt in ihrer Fähigkeit, Angriffen durch auseinandergezogene Stationierung und gute Tarnmöglichkeiten entgehen zu können. Sie kann in Krisenzeiten auf vorher markierte Punkte verlegt werden und - unabhängig von Flugplätzen und jenen "Nabelschnüren'' des Nachschubs, auf die "normale" Geschwader angewiesen sind - hohe Einsatzraten bei minimaler Reaktionszeit erreichen.

In einer kürzlich durchgeführten Übung flogen 30 voll ausgerüstete und gewartete Harrier kurz nach der Verlegung von ihrem Heimat-Stützpunkt über 200 Einsätze pro Tag. Pro Flugzeug wurde in einer Stunde ein Einsatz geflogen - 30 Minuten davon waren reine Flugzeit, 30 Minuten Turnaround-Zeit.

Wahrscheinlich wird die Verlegung der Harrier-Einheiten in die Nähe des Eisernen Vorhangs ihre Einsatzbereitschaft beträchtlich verbessern. Wo jedes andere konventionelle Flugzeug ausfällt - sei es, daß es vom Gegner, der ja die NATO-Flugplätze genau kennt, am Boden zerstört oder aber von dem zerbombten Platz aus nicht mehr starten kann -, behält die Harrier ihre volle Kampfkraft und kann überraschend zum tödlichen Gegenschlag ausholen.

Es ist bezeichnend, daß auch die Sowjets mit ihren MiG-17 und MiG-21 ein gewisses Maß an Dislozierung zu erreichen versuchten. Der NATO-Geheimdienst war eine Zeitlang voll damit beschäftigt, die auseinandergezogenen Startstellen zu identifizieren. Heute, da die neuen Foxbat- und Flogger-Kampfflugzeuge wieder mehr auf lange Pisten und auf umfangreiche technische Unterstützung angewiesen sind, müssen sich die sowjetischen Luftstreitkräfte wieder an feste Luftstützpunkte halten.

F-15 kommt früher nach Europa

Um der Bedrohung durch die dritte sowjetische Kampfflugzeug-Generation zu begegnen, wird die USAF in Europa die McDonnell Douglas F-15 viele Monate früher als ursprünglich geplant erhalten: Die erste Maschine dürfte Ende 1976 bzw. Anfang 1977 in der Bundesrepublik eintreffen. Als die F-15 vor einiger Zeit auf zwei Wochen nach Ramstein gebracht wurde, waren amerikanische Piloten einhellig der Meinung, das Flugzeug sei jedem anderen auf dem "europäischen Kriegsschauplatz" überlegen, nicht zuletzt wegen seines Radarsystems von Hughes, das General Vogt als "so fortschrittlich" bezeichnete, "daß es ca. 10 Jahre allem anderen voraus sei". Die F-15 konnte andere US-Hochleistungsflugzeuge, die in geringen Höhen flogen und von anderen Radargeräten infolge der Boden-Störflecken (Clutter) nicht hätten erfaßt werden können, ohne Schwierigkeiten aufspüren, ihnen nachsetzen und sie "abschießen".

Ende 1978 wird ein anderes neues US-Kampfflugzeug die USAFE-Einheiten erreichen: die General Dynamics F-16 (siehe Bericht im letzten Heft). Die NATO-Kommandeure - die europäischen eingeschlossen - zeigten sich über die Wahl der F-16 durch Belgien, die Niederlande, Norwegen und Dänemark zum Starfighter-Nachfolger erfreut.

Abgesehen von ihren Leistungsvorteilen wird die F-16 zur Standardisation in einem NATO-Bereich beitragen, in dem heute nicht weniger alls 24 verschiedene Flugzeugmuster Dienst tun. Die neun verschiedenen Flugzeuge der No. 2 ATAF verwenden fünf verschiedene Munitionstypen für die Bordkanonen, vier Bombentypen und 16 verschiedene abwerfbare Behälter. Ein Abwurftank der belgischen Luftstreitkräfte würde beispielsweise zu einer holländischen F-104 nicht passen!

Zwei der Länder des F-104-Konsortiums, nämlich die Bundesrepublik Deutschland und Italien, haben Optionen auf das europäische Mehrzweck-Kampfflugzeug Panavia 200 (MRCA) erteilt. Dieses Flugzeug hat wegen seiner Leistungsfähigkeit auch von seiten der US-Kommandeure in Europa Unterstützung erhalten (General Vogt bezeichnet sich selbst als starken Befürworter des MRCA). Allerdings herrscht wegen des Zeitplans und der darin auftretenden Verzögerungen eine gewisse Beunruhigung. Die Kosten unterliegen jedoch einer sorgfältigen Kontrolle durch die Partnerländer: Was die Kostenwirksamkeit angeht, so dürfte das MRCA den Vergleich mit jedem anderen Strike/Attack-Flugzeug bestehen.

Das MRCA wird über jene Allwetter-Fähigkeiten verfügen, an denen es den europäischen Luftstreitkräften in so starkem Maß mangelt. Ähnlich wie die General Dynamics F-111 ist das MRCA in der Lage, in sehr kleinen Höhen über große Entfernungen durch alle Arten von Wetter zu fliegen und seine Bombenlast mit Präzision ins Ziel zu bringen. Das anglo-französische Gemeinschaftsprojekt Jaguar, das die Phantom der Royal Air Force in der Strike/Attack-Rolle ablöst, wird heute als ein Flugzeug eingestuft, das Gefechtsfeldunterstützung und Luftkampf in geringen Höhen liefert, obwohl es nicht unter Allwetter-Bedingungen einsetzbar ist.

Kommen wir zur Hauptaufgabe der europäischen NATO-Luftstreitkräfte: Die Kommandeure des Bündnisses sehen heute einen großen Bedarf an "Massen-Feuerkraft" zur Unterstützung der eigenen Landstreitkräfte und zur Abwehr schwerer sowjetischer Panzervorstöße. Gleichzeitig muß der Gegner im Luftraum über dem Gefechtsfeld neutralisiert werden. Das Schlachtfeld, auf dem die Entscheidung fällt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit die Bundesrepublik - dieser Tatsache sind sich wohl alle Deutschen bewußt. Was immer an der Nord- und Südflanke geschieht: Die Lage wird kaum brenzlig sein, solange sich der Zentral-Sektor hält. Lebenswichtige Faktoren im Fall eines sowjetischen Angriffs sind:
* die Fähigkeit, dem massiven Panzer-Vorstoß und -Durchbruch die Spitze zu nehmen,
* die Fähigkeit, die alliierten Verstärkungen zeitgerecht zum Tragen zu bringen.

Unter den führenden Kommendeuren gibt es verschiedene Meinungen, was die Warnzeit angeht, die der NATO zur Verfügung steht. Eine amerikanische Experten-Ansicht lautet, es werde überhaupt keine Warnung geben - die Sowjetunion würde ganz einfach losschlagen. Andere glauben, es werde eine Steigerung der Spannungssituation eintreten und Satelliten würden jeden gegnerischen Aufmarsch und jede Truppenbewegung entdecken.

Natürlich könnten die Kommandeure die Initiative ergreifen wenn es darum geht, verschiedene Dispositionen zu treffen und die Streitkräfte in einen Zustand der erhöhten Alarmbereitschaft zu versetzen. Aber der Admiral der britischen Flotte und Vorsitzende des Militärkomitees der NATO, Sir Peter Hill-Norton, hat in einer Lesung vor dem Royal United Services Institute for Defence Studies eine Warnung ausgesprochen: Zwar könne die Vorwarnzeit für verschiedene Kriegsschauplätze durchaus geschätzt werden, "aber die einzige Phase, in der sie für die Kommandeure von Nutzen ist, ist jene, in der die politische Entscheidungsmaßnahme beginnt, ohne die die notwendigen militärischen Vorbereitungen nicht anlaufen können".

Das Vorspiel zum Yom-Kippur-Krieg scheint diese Ansicht zu bestätigen: Erst als endlich die Entscheidungen auf Kabinetts-Ebene gefallen waren, konnte die hochwirksame israelische Militär-Maschinerie und die Mobilisierung der Reserven in volle Funktion treten. Unglücklicherweise müssen Demokratien in einer Kriegssituation auf demokratische Entscheidungen warten, bevor die Demokratie verteidigt werden kann ...

Großbritannien, das strategisch zwischen dem europäischen Festland und den See- und Luftstraßen des Ostatlantiks liegt, stellt einen lebenswichtigen Stützpunkt dar - sowohl als Nachschubgebiet als auch als Basis, von der aus der Gegenschlag erfolgen kann. Im Rahmen der "Stolperdraht"-Philosophie der Raketenangriffs-Warnung wurde die Reduzierung der Interzeptor-Zahl der Royal Air Force auf ca. 60 Flugzeuge genehmigt.

Heute bestehen sieben Squadrons, die mit Flugzeugen für die Luftverteidigung ausgerüstet sind. Die Gesamtstärke beträgt ca. 84 Flugzeuge. Die Qualität des fliegenden Materials wird durch die Ablösung der Lightning durch Phantom laufend verbessert. Die britische Air Defence Region (ADR) liegt im NATO-Frühwarnbereich 12. Es ist ein separates Kommando, das direkt dem obersten NATO-Kommandeur in Europa untersteht.

Höchstwahrscheinlich wird die Angriffs-Route sowjetischer Flugzeuge vom Osten her in niedrigen Höhen über die baltische See und über die dänische Halbinsel führen. Der Einsatzradius der in der DDR stationierten Flogger und Fencer würde es diesen Kampfflugzeugen erlauben, Großbritannien anzugreifen. Von in größerer Entfernung liegenden sowjetischen Stützpunkten aus könnte der strategische Bomber Backfire losschlagen.

Angriffsgefahr im nördlichen Sektor

Eine sehr reale Bedrohung kommt vom nördlichen Sektor, den die Sowjets als jenes Gebiet definieren, das sich vom baltischen Raum bis zum Nordkap erstreckt. Dies ist das Territorium der 13. Front-Luftfahrt-Armee, die über 200 taktische Kampfflugzeuge verfügt. Darunter befinden sich auch Jagdbomber und leichte Bomber, die für Offensivaufgaben Verwendung finden könnten. Abgesehen von einem Angriff gegen die Ostküste Großbritanniens müssen sowohl die Royal Air Force als auch die in Großbritannien stationierten USAF-Geschwader Einflüge entlang der norwegischen Küste erwarten, die dann um Schottland herumführen und vom Westen aus vorgetragen werden.

Wenn sich der britische Chief of Air Staff, Air Chief Marshal Sir Andrew Humphrey, Gedanken über die Bedrohung seiner schwach gerüsteten britischen Heimat-Streitkräfte macht, dann dürfte er sich daran erinnern, was er dem Verteidigungskomitee des Unterhauses im Jahre 1973 sagte, als er Commander-in-Chief des Strike Command war. Auf die Frage, wie er denn die Struktur verändern wolle, antwortete er: "Zunächst würde ich mehr Jagdflugzeuge als gegenwärtig benötigen. Ich wünsche mir eine Verbesserung der Radar-Überdeckung und schließlich würde ich eine eindeutige Lösung der Frage um die Fortführung unserer Frühwarnaktivität erwarten, nämlich über die Lebensdauer der bestehenden Shackleton-Geschwader hinaus."

Command and Control: noch große Mängel

Seit 1973 hat man Verbesserungen sowohl bei den Flugzeugen als auch hinsichtlich der Boden-Systeme erreicht. Ein Expertenteam der RAF, das unter der Bezeichnung Sismore Committee bekannt ist (nach Air Commodore E. B. Sismore), hat jeden Aspekt der britischen Luftverteidigung und die zukünftigen Anforderungen untersucht. Diese Studien haben eine Prüfung von computerisierten Luftverteidigungssystemen beinhaltet - wie z. B. des NATO-Systems NADGE, des schweizerischen Florida und des japanischen BADGE-Netzes - und basieren auch auf Informationen über den Entwicklungsstand in den USA. Das Sismore-Komitee hat seinen Plan für die Automatisierung des britischen Boden-Systems vorgelegt und eine Verbesserung des Linesman/Mediator-Konzepts bodenstationierter Radaranlagen vorgeschlagen. In den nächsten Jahren sollen nach und nach Verbesserungen an diesem britischen System vorgenommen und eine volle Anbindung an NADGE erreicht werden.

Mittlerweile hat die NATO, die daran interessiert ist, daß das britische Luftverteidigungssystem dem NADGE-System gleichwertig ist, Mittel für den Ersatz von Radaranlagen und für die Automatisierung der Luftverteidigungsbasen im Norden Großbritanniens bereitgestellt. Großbritannien selbst plant eine Verbesserung der Erfassung und Verteidigungsmaßnahmen gegen Angriffe "von der Hintertür" und erweitert den Schutz über den Wasserstraßen. Endziel ist das Erreichen einer Luftverteidigung in einem Bereich von 360 Grad.

Im Kommando- und Kontrollbereich bleibt noch viel zu tun. Die europäischen Luftstreitkräfte leiden - obwohl sie über enorme "professionelle" Erfahrung verfügen - Mangel an Tiefenwirkung. Es ist geradezu zwingend notwendig, daß jedes Flugzeug rasch und wirksam gegen eine Bedrohung eingesetzt wird. "Command and Control", so definiert es General Vogt, "ist die Sicherstellung, daß der Luftraum am rechten Ort und zur rechten Zeit genutzt wird."

AWACS: nichts Vergleichbares im Osten?

Die NATO sieht zwar die Aufstellung einer mit Warn- und Kontrollflugzeugen des Typs Boeing E-3A ausgerüstete Einheit vor, die über den Ländern der Allianz zum Einsatz kommen soll. Die endgültige Entscheidung bezüglich der Beschaffung eines solchen "Multi-Nationen"-Flugzeugs soll allerdings nicht vor Juli 1976 fallen. Ein AWACS-Programm-Büro der NATO (AWACS = Airborne Warning and Control System = fliegendes Warn und Kontrollsystem) unter Leitung eines britischen Air Commodore wird zur Zeit im NATO-Hauptquartier in Brüssel gebildet. Dieses Büro wird die Kosten und die Einsatzerfordernisse von AWACS untersuchen. Eine seiner Aufgaben wird es sein, die Möglichkeiten der europäischen,Partner-Nationen bezüglich ihrer Beteiligung an Offset-Arbeiten für dieses Flugzeug zu prüfen.

Die Möglichkeiten von AWACS, das eine im Bereich geringer Höhen klaffende Lücke im NADGE-System überbrücken könnte, wurden im April dieses Jahres auf einer Europa-Vorführtour einer Boeing E-3A (mit Westinghouse-Radar) überzeugend demonstriert. Während einer Reihe von Demonstrationsflügen von Ramstein aus wurden auf den Radarkonsolen Flugzeugbewegungen über der DDR, Polen und der CSSR - darunter militärische Interzeptionen -dargestellt.

Die AWACS-Radardarstellungen wurden über eine Datenkette an eine Anzahl von NADGE-Kontrollzentren in der Bundesrepublik, in Norwegen und Italien gesendet. In einer anderen Übung über der Nordsee in Höhe der britischen Küste führten F-111 der US Air Force, die südlich von Schottland in einer Höhe von 500 ft flogen, simulierte Angriffe auf das mittelenglische Industriegebiet durch. Um dieser "Bedrohung" zu begegnen, wies die AWACS-Besatzung eine McDonnell Douglas F-15 Eagle an, die F-111 abzufangen.

AWACS ist durchaus kein billiges System, da es Frühwarnkapazität mit Kommando- und Kontrolleinrichtungen für Jagdflugzeuge miteinander kombiniert. Der Stückpreis dürfte sich auf ca. $ 26 Mio. belaufen. Die Royal Air Force betrachtet ihrerseits ihre modifizierten Shackleton AEW Mk 2-Flugzeuge als ausreichend für einen wirksamen Look-down-Erfassungsbereich über See.

Eine preiswertere Alternative dürfte es aus diesem Grund sein, AWACS ohne die Kommando-und Kontrollanlagen zu beschaffen oder die Hawker Siddeley Nimrod, das Nachfolgemuster der Shackleton, mit einem neuen AEW-Radarsystem und der zugehörigen Elektronik- und Nachrichtenausrüstung zu versehen. Da dann aber ein neuer Radom und Strukturverstärkungen an der Nimrod-Zelle vorgenommen werden müßten, ist es fraglich, ob damit sehr große Einsparungen erzielt werden können. Wenn es um die Erfassung sehr großer Lufträume und Bodenflächen aus der Höhe geht, dan gibt es zur Zeit -daran besteht kein Zweifel - nichts Vergleichbares mit Boeings AWACS. AWACS ist ein echtes Beispiel für die Führungsrolle der westlichen Technologie. Zwar verfügen auch die Sowjets über fliegende Frühwarnsysteme - umgebaute Tupolew Tu-114. Aber es stellt sich die Frage, ob diese Flugzeuge über Land die gleiche Leistungsfähigkeit haben wie das Boeing-AWACS.

Ein anderes Gebiet, auf dem der Westen führend ist, ist das der "smart bombs", oder das der präzisionsgeführten Waffen - zum Beispiel die fernsehgelenkte Maverick-Lenkwaffe. Weitere Führungssysteme verwenden die passive und halbaktive Radarzielsuche, Funksteuerung, elektrooptische Sucher, Infrarot- sowie Laser-Sucher, die die von einem Ziel abgestrahlte Laser-Energie erfassen und auch unter Allwetter- und ECM-Bedingungen funktionsfähig sind.

Dritter Weltkrieg schon verloren?

Trotz der Lehren aus dem Vietnam- und Yom-Kippur-Krieg, als "smart bombs" zahlreiche SAM-Abschußbasen ausschalteten, beschafft zur Zeit kein einziges europäisches NATO-Land präzisionsgeführte US-Waffen für ihre Luftstreitkräfte, obwohl die Türkei sich nach der Möglichkeit von Maverick-Lieferungen erkundigte, als das US-Waffenembargo verhängt wurde.

Professor Alain C. Enthoven von der Stanford University, der auch Führungspositionen im amerikanischen Verteidungsministerium innegehabt hat, argumentiert folgendermaßen: "Statt schmale Mittel für Mini-Nuklearwaffen auszugeben, sollten wir uns lieber auf nicht-nukleare Waffensysteme maximaler Wirksamkeit konzentrieren. In den Kriegen der Vergangenheit verfehlte der Löwenanteil der von Flugzeugen aus abgeworfenen Bomben und Artillerie ihre Ziele. Die typische Trefferablage lag für vom Flugzeug abgeworfene Bomben in der Größenordnung von einigen hundert Fuß.

Die Entwicklungen der letzten Dekade bieten nun geradezu dramatische Verbesserungen in der Zielerfassung, in der Präzision und Wirksamkeit konventioneller Munition. Präzisionsgelenkte Waffen wie Maverick haben eine durchschnittliche Trefferablage, die den Abmessungen eines typisches Zieles entspricht. Zwar ist die Formel "ein Schuß, ein Treffer" noch nicht so nahe, wie das mancher populär-wissenschaftlicher Kommentar aussagt. Aber im Reich der Phantasie liegt sie durchaus nicht mehr. Wenn es wahr ist, daß sich die Geschichte selbst wiederholt, so wird es immer Maßnahmen und Gegenmaßnahmen geben. Es wird zu einem technologischen Rennen kommen, in dem die USA vorn stehen müssen - und können."

Schließen wir mit einer philosophischen Bemerkung. Alexander Solschenizyn hat einmal in einem oft zitierten, aber wenig verstandenen Kommentar gesagt, "der dritte Weltkrieg habe bereits stattgefunden, er sei fast schon Teil der Vergangenheit, er sei eben in diesem Jahr (1975) beendet worden - und die freie Welt habe ihn unabänderlich verloren". Natürlich spielt er dabei auf die politischen Fehler des Westens seit dem zweiten Weltkrieg an.

Auf der politischen Ebene wird der Krieg gegen den Westen fortgesetzt, ja sogar härter geführt. "Es ist zu spät zu fragen, wie der dritte Weltkrieg verhindert werden kann", sagt Solschenizyn. "Aber man muß den Mut und die Klarheit des Verstandes haben, um den vierten Weltkrieg zu verhindern."Der sicherste Weg, ihn zu verlieren, liegt in einem Zurückfallen in der technologischen Auseinandersetzung. Oder noch schlimmer: Wenn den NATO-Ländern Waffen präsentiert werden, die die "Quantitäts-Lücke" zwischen den NATO-Streitkräften und den Truppen des Warschauer Paktes schließen könnte, und wenn sich die NATO-Länder dieser modernen Waffen nicht bedienen.

Arthur J. Wallis


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Last updated 2 November 2000
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