F R 1 1 - 7 5 |
Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 11/75 WELTRAUMKOLONIENKeine grundsätzlichen wissenschaftlichen Hindernisse stehen der Errichtung gewaltiger Weitraumkolonien für beispielsweise 10000 Menschen in den nächsten Jahrzehnten entgegen. Das ergaben die Untersuchungen von 25 amerikanischen Raumfahrt-Spezialisten, die im Sommer dieses Jahres Weltraum-Kolonisierungspläne diskutierten. Eine Studiengruppe von 25 US-Spezialisten, größtenteils Professoren bedeutender amerikanischer Universitäten, kamen auf Veranlassung der NASA und der Stanford University zu einem utopisch anmutenden Beginnen zusammen: 10 Wochen lang diskutierten sie im Ames Research Center der US-Luft- und Raumfahrtbehörde über Weltraum-Kolonisierungspläne und erarbeiteten erste Modelle für ein derartiges Vorhaben. Für die Fachwelt überraschend kamen die Studienmitglieder nach Abschluß des Treffens zu dem Schluß, der Kolonisierung des Weltraums stünden in wissenschaftlicher Hinsicht keine fundamentalen Hindernisse entgegen. Ja, der Schlußbericht der Studiengruppe spricht sogar die Empfehlung an die zuständigen US-Behörden aus, ein diesbezügliches Programm unverzüglich in Angriff zu nehmen. Freilich seien, so meinten die Teilnehmer übereinstimmend, noch eine ganze Reihe von großen technischen und sozialen Problemen zu lösen, bevor man an die praktische Durchführung gehen könne. Aber sie beurteilen ein Weltraum-Kolonisierungs-Programm als einen durchaus nicht utopischen evolutionären Schritt, der sich in seiner Bedeutung mit dem Übergang des Lebens vom Meer auf das Land vergleichen lasse oder mit jenem Entwicklungsschritt, als unsere Vorfahren vom Leben in den Wäldern zur Kultivierung der offenen Ebenen übergingen.
Darüber mag man denken, wie man will. Interesssant scheint mir dietechnischeLösung zu sein, die die Studiengruppe als Antwort auf die Frage der Kolonisierung des Raumes kürzlich präsentierte: Empfohlen wird der Bau einer Weltraumsiedlung für 10000 Menschen, die die Form Welch gewaltige Abmessungen die Weltraumkolonie aufweisen soll, wird aus dem Durchmesser des Radkörpers ersichtlich: Er beträgt mehr als 1,5 Kilometer, während der Innendurchmesser des Ringes bei ca. 140 m liegt. Die Masse wird mit 500 000 Tonnen angegeben - das entspricht etwa dem Gewicht der größten Super-Tanker der Erde. Erdeähnliche Umweltbedingungen Nicht genug der Superlative: Die Kolonie soll mit erdähnlichen Umweltbedingungen aufwarten. Die Teilnehmer der NASA-Stanford-Tagung schlagen die Schaffung einer täuschend dem Vorbild Erde nachempfundenen Landschaft mit Hügeln, Tälern, Flüssen, Bäumen und Wiesen vor, so wie es im Farbbild auf dieser Doppelseite dargestellt ist. (Allerdings ist dies die "Artist's Impression" einer wesentlich größeren Kolonie der ferneren Zukunft, von der noch später die Rede sein wird.) Die Abbildungen auf Seite 56 dagegen stellen den ersten Kolonisierungs-Schritt dar: Gut ist im oberen Bild die Ringform der Station zu erkennen (im unteren Bild ein Segment davon mit angedeuteter Landschaft). ZurAbschirmung der kosmischen Strahlung dient ein Ring aus Mondgestein, und über der Ringkolonie schwebend ist ein ringförmiger Spiegel angeordnet, der das Sonnenlicht durch ca. 30 m lange Fensterstreifen ins Innere der Kolonie reflektiert. Jalousien lassen das Sonnenlicht, aber keine kosmische Strahlung eindringen. Das rechteckförmige Gebilde zwischen Außenring und Nabe stellt einen Wärme-Radiator dar, während die Anlage unter der Ringkolonie die Werkstatträume andeutet. Damit sind wir bei einem Kernpunkt des NASA-Stanford-Weltraumkolonie-Konzepts angelangt. Denn diese Stationen sollen - zumindest vorerst -keineswegs reinen Kolonisierungszielen dienen, sondern Wohnstätte für Forscher, Wissenschaftler, Techniker und Produktionspersonal sein. In einer Erdumlaufbahn positioniert, die in etwa jener des Mondes entspricht, sollen nämlich die Weltraum-Kolonisten unter Verwendung von Sonnenenergie Mondgestein aufbereiten. Das Apollo-Programm hat ja aufgezeigt, daß dieses Mondgestein 20 bis 30 Prozent Metalle, 20 Prozent Silikon und 40 Prozent Sauerstoff enthält. Nach den Plänen der Studiengruppe werden ca. 150 Mann, die auf dem Mond stationiert sind, mit Hilfe eines Transportsystems mit Elektro-Antrieb pro Jahr Millionen von Tonnen Mondmaterial zuerst in eine Mondumlaufbahn und von dort zur Raumstation befördern. In den Produktionsstätten der Raumkolonie würde das Material metallurgisch aufbereitet und zur Gewinnung von Aluminium und eventuell auch Titan für Weltraum-Baustoffe, von Silikat für Glas und von Sauerstoff für Lebenserhaltung und Raketentreibstoff herangezogen. Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff müßte natürlich von der Erde zur Raumkolonie geschafft werden. Fortgeschrittene Raumtransporter Dazu wird man auf ein Raumtransportersystem zurückgreifen, das aus dem gegenwärtigen Space Shuttle-Projekt der NASA (siehe auch FR 6/75 und 7/75) abgeleitet werden soll: Ein sogenanntes Heavy Lift Launch Vehicle (Schwerlast-Startgerät), das die gleichen Haupttriebwerke wie der Space Shuttle aufweist, wird die Transporte von Lasten von der Erde in eine erdnahe Umlaufbahn besorgen, während von dort zu entfernteren Punkten im Weltraum ein großer Raumschlepper Verwendung finden soll. Zum Aktivitätsbereich der Raumkolonie zählt neben der Mondgestein-Aufbereitung noch der Bau von Satelliten-Sonnenkraftwerken, die in geosynchronen Umlaufbahnen um die Erde eingebracht werden und Energie in Form von Mikrowellen "geringer Dichte" an die Erde abstrahlen sollen, wo sie dann in das irdische Energieversorgungssystern eingebracht wird. Die enormen Schwierigkeiten, die sich meiner Meinung nach der Verwirklichung der NASA-Stanford-Studie entgegenstemmen, wurden auch von den Gruppenmitgliedern lebhaft diskutiert: An Versorgungsproblemen soll die Kolonie durch intensivste landwirtschaftliche Nutzung des Agrar-Teils der Kolonie (450000 qm landwirtschaftliche Nutzfläche) nicht leiden, und Abfallprodukte aller Art werden weitgehend in Wasser und Düngemittel umgewandelt. Ungeachtet der sozialen Probleme infolge der dichten Besiedelung einer solchen Modellkolonie haben die Tagungsmitglieder eine noch gigantischere Lösung für das 21. Jahrhundert vorgeschlagen: eine zylinderförmige Station mit 32 km (!) Länge und 6,4 km Innendurchmesser (siehe Farbbild). Dietrich Seidl
Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 11/75 Copyright 1975/2000 by Motor-Presse Stuttgart. All rights reserved. Last updated 2 November 2000 FLUG REVUE, Ubierstr. 83, 53173 Bonn, Germany |