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Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 5/77 FLUG REVUE + flugwelt testet Fluggesellschaften INTERFLUGDie Interflug, die Luftfahrtgesellschaft der DDR, ist die erste östliche" Gesellschaft, die von FLUG REVUE + flugwelt getestet wurde. Welche Unterschiede der Reisende im Vergleich zu westlichen" Airlines feststellen kann - auch bezüglich der Abfertigung vor dem Flug sowie der Verhältnisse in der Maschine - wird in nachstehendem Artikel deutlich.Flugstrecke: 560 km Im Cockpit: Kapitän Lehmann Flugzeugtyp: Tupolew Tu-134 Anmerkung: Weder der Cockpitbesatzung noch dem Kabinenpersonal war bekannt, daß über den Flugablauf in aller Öffentlichkeit berichtet wird. Für diesen Test hat FLUG REVUE + flugwelt die älteste internationale Streck der Interf1ug gewählt. Am 4. Februar 1956 flog zum ersten Mal eine Iljuschin Il-14 der DDR-Luftfahrtgesellschaft, die sieh damals noch Lufthansa nannte, von Berlin-Schönefeld nach Warschau. Heute befliegt die Interflug die Strecke Berlin - Warschau mit den zweistrahligen Linern des sowjetischen Typs Tupolew Tu-134, die in der DDR seit 1969 eingesetzt werden. Die Schwierigkeiten, die einem Unverzagten entstehen, der mit einer der finsteren Gesellschaften entlegener Erdteile fliegen will, sind gar nichts gegen die Probleme, die jemand hat, der von Berlin aus mit der Interflug reisen möchte. Zuerst läuft noch alles ganz wie gewohnt: Ein Wiesbadener Reisebüro stellt das Ticket aus, und Interflug bestätigt die Buchung. Doch bevor ich am 26. Februar 1977 zum Flughafen Berlin-Schönefeld fahren kann, werde ich am Sektorenübergang Bahnhof Friedrichstraße vierzig Minuten lang abgefertigt, obwohl ich Flugticket und polnisches Visum vorzeige. Als Transitreisender entfällt zwar für mich der Zwangsumtausch, aber ich bekomme den Drang der DDR-Beamten zu beweisen, wozu Bürokraten fähig sind, voll zu spüren: Na, Sie haben ja noch ganz schön Zeit bis zum Abflug", meint der Beamte der Transportpolizei, nachdem er das Ticket gelesen hat, und schreitet zur Tat. Ich muß meine ganzen Habseligkeiten auspacken und das Futter der Hosentaschen nach außen kehren. Dann interessiert Ihn mein privates Notizbuch. Aufreizend langsam liest er es Seite für Seite durch, Er findet nichts, was mich seiner Ansicht nach belasten könnte, verschwindet mit meinem Paß und läßt mich zehn Minuten in einer kahlen Zelle warten, bis er ihn mir endlich wiederbringt und mich entläßt. Nach dieser im Grunde lächerlichen, aber doch entwürdigenden Prozedur fahre ich mit der S-Bahn hinaus zum Flughafen Berlin-Schönefeld, dem ehemaligen Werksflugplatz von Henschel. Der Auslandsterminal ist modern ausgebaut: kein Baracken-Airport mehr! Aber ganz im Gegensatz zu anderen internationalen Flughäfen herrscht hier In Schönefeld eine geradezu idyllische Ruhe. Sie wird im Schnitt nur alle 25 Minuten vom Lärm startender oder landender Flugzeuge gestört. So fehlen eigentlich nur die Schafherden, um das Bild eines Provinzflugfeldes zu komplettieren. 15.20 Uhr. Der Check-in für unseren Flug IF 202 beginnt. Die Hostess am Interflug-Schalter arbeitet flott und ist zuvorkommend. Auch die anschließende Pass- und Zollkontrolle verläuft korrekt und reibungslos. Und - besonders erstaunlich - die Passagiere werden nicht nach Waffen untersucht, wie es auf allen westlichen Flughäfen üblich ist. Hier auf dem Flughafen Schönefeld erscheint die DDR dem angestrebten Wettniveau" näher als im Bahnhof Friedrichstraße! 16.45 Uhr. Eine Ground-Hostess führt uns zum Flugzeug. Es ist eine 72 Passagiere fassende Tupolew Tu-134 mit der Kennung DM-SCF, Ich betrete die enge Passagierkabine der Tupolew; sie ist nur 2,70 Meter breit. (Zum Vergleich: Die Kabine einer BAC-111 ist 3,15 Meter breit.) Dann - Stewardessen und Mitpassagiere drängen und schubsen nach besten Kräften -verstaue ich Mantel und Tasche und winde mich in den Sessel. Bei einem Sitzreihenabstand von eineinhalb Handspannen fordert des durchaus sportliche Veranlagung! Dicke können sich nur in die Sessel quetschen, weil die Lehnen nach vorn umklappbar sind. First-Class-Reisende, denen es in dieser Beziehung besser gehen könnte', gibt es bei diesem Flug nicht. Unsere Tu-134 hat keine Erste Klasse. Die Einrichtung der Kabine ist einfach, dunkelrote Sessel und beige Innenverkleidung. Alles ein bißchen zu bieder! Die Metallteile der Sessel weisen grobe Bearbeitungsspuren auf. Aber wenigstens stinkt es nicht so sehr nach Lysol wie bei einigen Gesellschaften aus osteuropäischen Ländern. Dann, fast auf die Sekunde genau zur planmäßigen Abflugzeit, um 16.50 Uhr, startet die Tupolew. Kapitän Lehmann, der - wie bei in Interflug üblich - den martialischen Rang Kommandant führt, bleibt auf der Bremse, bis die Triebwerke vollen Schub - abgeben. Die Tubolew rollt, hebt ab und Kommandant Lehmann zieht die Maschine sofort in eine steile Linkskurve Während des Steigfluges spüre ich starken Druck in den Ohren und bin heilfroh, daß die Stewardessen vor dem Start Bonbons verteilt haben Nach zwanzig Minuten, während die Tubolew mit ihrer Reisegeschwindigkeit von 850 km/h fliegt, wird ein kaltes Essen gereicht. Nachdem ich ausprobiert habe wie das winzig kleine Eßbesteck in der Hand liegt, hebe ich die Plastikabdeckung von meiner Portion. Es gibt eine Scheibe Brot, mit Butter nur dünn bekratzt und mit Salami belegt, Geflügelsalat, Obstsalat und Schokoladencreme. Alles in allem nichts Besonderes. Dazu wird ein Glas Orangensaft serviert. Nach dem Essen möchte ich gern Kaffee trinken und rufe die Stewardess. .Oh, das wird schwierig, meint sie, kommt nach drei Minuten aber doch mit einer Kanne Kaffee wieder. Eine Airline, bei der die Stewardessen Schwierigkeiten haben, für die Passagiere Kaffee aufzutreiben: Interflug beweist, daß es so etwas gibt. Doch dann folgt der Clou: Jeder Reisende bekommt eine kleine Packung Pralinen. Sie heißen Rotstern". Genau so schmecken sie auch. Penetrant süß und mit schlechtestem Marzipan gefüllt. Interflug sollte lieber gar keine Pralinen anbieten, als ihre Passagiere mit solchen Werken sozialistischer Zuckerbäckerkunst zu erschrecken! Ganz im Gegensatz zur schlechten Qualität des Essens steht der Service der beiden Stewardessen, Frl. Ratzow und Frl Heinz. Sie sind nicht nur Luftkellnerinnen, sondern sie handeln wie Gastgeberinnen. So sehe ich, wie eine der Stewardessen einen Passagier fragt, ob sie seine Blumen doch nicht lieber in das Kühlfach legen solle. Sehr aufmerksam! Kaum ist das Essen abgetragen, verläßt die Tu-134 schon ihre Reiseflughöhe von 8200 Metern und beginnt den Anflug auf den Flughafen Warschau-Okecie. Pünktlich um 17.40 Uhr setzt Kommandant Lehmann seine Maschine sauber auf die Rollbahn des Warschauer Airports. Fünf Minuten später verlassen wir das Flugzeug. Fazit: Ein Flug der Gegensätze. Es war laut in der Kabine. Ich habe Ohrenschmerzen, und das Essen war so, daß ein Feinschmecker bestimmt kein zweites Mal mit der Interflug fliegt. Aber der Flug verlief pünktlich, und das Kabinenpersonal hat sich nach besten Kräften um die Passagiere bemüht. Interflug erreicht nicht das hohe, Niveau an Reisabequemlichkei und Bordservice, wie es zum Beispiel die Lufthansa, Kandidat des Airline-Tests in Heft 3/77, bietet. Trotzdem könnte man aber sagen, ein Flug mit dieser Gesellschaft sei zu empfehlen - schließlich beeidruckte Interflug mit Pünktlichkeit -, wenn da nicht die schikanöse Kontrolle an der Sektorengrenze wäre, die, man hinter sich bringen muß, um Passagier dieser sozialistischen Luftlinie werden zu kennen. Andreas Krömer Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 5/77 Copyright 1977/2002 by Motor-Presse Stuttgart. All rights reserved. Last updated 21 May 2002 FLUG REVUE, Ubierstr. 83, 53173 Bonn, Germany |