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Neuer PAH II-Bewerber: VFW-Fokker/Westland Helicopters

P 277

Eine der großen Überraschungen des Aero Salons 1977 in Le Bourget/Paris war das Modelldebüt des von VFW-Fokker und Westland Helicopters gemeinsam und in aller Stille entwickelten Kampfhubschraubers P 277 Fledermaus. Bei diesem Muster handelt es sich um einen Projektvorschlag zur Erfüllung der taktischen Forderung der Bundesrepublik Deutschland an einen für die Panzerabwehr ausgelegten Hubschrauber. Zweifellos tritt damit die Entwicklung des PAH II in eine völlig neue Phase.

Im Mai/ Juni 1977 wurde f\'fcr die Beschaffung von 212 Maschinen des Panzerabwehrhubschraubers der 1. Generation (PAH I) grünes Licht erteilt. Bei diesem Muster handelt es sich um eine Ableitung aus den Bo 105M, von dem seit Februar 1976 zwei Maschinen ausgiebig erprobt werden. Zahlreiche Studien ergaben, daß ein mit entsprechenden Waffen ausgerüsteter Bo 105M die Forderungen an den PAH 1 erfüllen kann. Dazu gehörten auch Versuche mit einem eingebauten MG 3 in Schwenklafette und einem sechsläufigen Mini Tat von Emerson-Electric an der Rumpfunterseite. Auch die Verwendbarkeit der 20-mm-Kanone RH 202 von Rheinmetall wurde untersucht.

P277 Mock-up

Obwohl dies alles zu ausgezeichneten Ergebnissen führte, entschied man sich letztlich für die Ausrüstung des PAH I mit sechs Panzerabwehr Flugkörpern des deutsch-französischen Typs HOT (High Optical Tube) in Dreifachwerfern. Diese 260 m/s schnelle und 32 kg schwere, mit Klappflügeln ausgestattete Waffe hat eine Einsatzreichweite von 75 bis 4000 m. Ein mit sechs HOT bewaffneter Bo 105P kommt einschließlich der kompletten Visierausrüstung auf ein Startgewicht von 2400 kg. Mit dem PAH I sind die Heeresflieger ab Ende 1979 im Falle eines bewaffneten Konflikts endlich in der Lage, massive Panzerdurchbrüche wirksamer als je zuvor bekämpfen zu können. Jedes der drei Korps wird zusätzlich ein Panzerabwehr-Regiment (PAR) mit 56 Bo 105P erhalten.

Doch zurück zum Panzerabwehrhubschrauber der 2. Generation, dessen Entwicklung mit der Entscheidung über die Truppeneinführung des PAH I in eine neue konkrete Phase getreten ist. Zu den Hauptforderungen der deutschen Heeresflieger an das neue Muster gehören nicht nur leistungsfähigere Waffen, sondern vor allem die Nachtkampf- und Schlechtwettertauglichkeit. Einziger bekannter Vorläufer für das neue PAH-System, das in europäischer Gemeinschaftsarbeit realisiert und in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre eingeführt werden soll, war bis Juni 1977 der von MBB ausgearbeitete Entwurf Bo 115. Es war somit nicht verwunderlich, daß das von VFW-Fokker und Westland gemeinsam entwickelte Projekt des P 277 in Le Bourget selbst bei zahlreichen Fachleuten wie eine Bombe einschlug.

Beide Firmen arbeiteten in den letzten zwei Jahren und in aller Stille an dem Entwurf des neuen Kampfhubschraubers, der in der Gewichtsklasse um 4500 kg rangiert und äußerlich ein wenig an das amerikanische Muster Bell Huey-Cobra erinnert. Nicht nur aus Zeit-, sondern insbesondere aus Kostengründen legte man schon in der Anfangsphase das komplette dynamische System des leichten Mehrzweckhubschraubers Westland Lynx zugrunde, das die operationellen Forderungen des PAH II voll erfüllt.

Die Triebwerkanlage des P 277 besteht aus zwei 960-WPS-Turbinen des Rolls-Royce-Typs GEM 4, die ihm eine Höchstgeschwindigkeit von 290 km/h und eine maximale Steiggeschwindigkeit von 13,4 m/s in Bodennähe ermöglichen. Diese auch mit RB.360 bezeichnete Wellenturbine hat sich bis heute beim Lynx hervorragend bewährt. Sie zeichnet sich durch einen geringen Kraftstoffverbrauch aus und ist sehr reaktionsschnell. Das Rotorsystem des P 277 besteht wie beim Lynx aus einem gelenklosen Vierblatt-Hauptrotor mit einem Durchmesser von 12,80 m und einem ebenfalls vierblättrigen Heckrotor, dessen Durchmesser bei 2,21 m liegt.

Zur Absicherung der errechneten Flugleistungen diente VFW-Fokker ein P 277-Modell, das im Rahmen eines 75stündigen Programms und in den verschiedensten Konfigurationen im Windkanal untersucht wurde. Dazu gehörte neben den Rumpfbasisdaten und der Druckverteilung um den vorderen und mittleren Rumpf u. a. auch der Einfluß der Kanone und der Visiereinrichtung. Das Leergewicht des P 277 liegt bei 2460 kg und das maximale Startgewicht bei 4760 kg.

Die beiden Haupteinheiten des Spornradfahrwerks sind in seitliche Rumpfgondeln einziehbar. Wie bei einigen anderen Hubschraubermustern ist die zweiköpfige Besatzung in einem Tandemcockpit leicht gestaffelt untergebracht. Beide Sitze sind wie alle lebenswichtigen Systeme der Ausrüstung und Triebwerksanlage gepanzert.

Als Haupteinsatzaufgaben des P 277 gelten die Bekämpfung gepanzerter Bodenziele sowie die Gefechtsfeldunterstützung bei massiven Panzerdurchbrüchen. Darüber hinaus soll er aber auch in der Lage sein, gegnerisches Bodenfeuer zu unterdrücken und bei Bedarf schwere Transporthubschrauber bei deren Einsätzen zu begleiten und zu schützen. Für all diese Aufgaben kann der P 277 verschiedene Waffen der modernsten Konzeption mitführen, zu denen neben, einer rumpfseitigen 20-mm-Kanone mit 250 Schuß insbesondere zwei Vierfachwerfer für HOT- oder TOW-Flugkörper gehören. Für Tiefangriffe können jedoch statt dessen auch zwei Werfer mit 38 2,75"-Raketen und für bewaffnete Begleitschutzeinsätze zwei Luft-Luft-Lenkwaffen Matra 550 oder Redeye mitgeführt werden.

All dies, das bewährte dynamische System des Lynx sowie eine robuste Zelle und Ausrüstung mit geringem Wartungsbedarf, macht den P 277 zu einem Kampfhubschrauber mit hoher Einsatzbereitschaft. Er entspricht nicht nur den taktischen Forderungen der Heeresflieger für den PAH II, sondern auch den politischen Vorstellungen als internationales Gemeinschaftsprojekt. Wegen der erwähnten Übernahme des Lynx-Rotorsystems und der damit verbundenen Verkürzung von Entwicklungszeit und -kosten um die Hälfte könnte der P 277 bei seiner Realisierung schon Anfang der achtziger Jahre der Truppe zugeführt werden. Der Kampfhubschrauber P 277 stellt ohne jeden Zweifel einen weiteren Beitrag zur Standardisierung von Waffen und Gerät innerhalb der NATO dar.

Darüber hinaus ist die Entwicklung eines modernen PAH, an der ja auch die Aerospatiale (Frankreich) und Agusta (Italien) arbeiten, durch das Debüt des P 277 völlig neu belebt worden. Man sollte sie in den nächsten Jahren mit größtem Interesse weiterverfolgen.

Die Luftbeweglichkeit des Heeres wird durch den PAH II - sei es nun der Bo 115 oder der P 277 - erneut entscheidend verbessert werden. Das Arsenal des Heeres zur wirksamen Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge wird in den achtziger Jahren beachtlich sein. Es reicht dann von der Panzerfaust über Lenkflugkörper verschiedener Reichweiten bis hin zu eigenen Jagd- und Kampfpanzern sowie mit entsprechenden Waffen ausgerüsteten Kampfhubschraubern modernster Konzeption.    Hans Redemann


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Last updated 5 July 2002
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