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Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 11/77 Dringend gesucht: KabinenpersonalDie 3000 Flugbegleiter der Deutschen Lufthansa suchen dringend 1000 neue Kollegen. Was ist passiert, daß dem Unternehmen für das Jahr 1978 ein solch großer Personalbedarf an Stewards und Stewardessen ins Haus steht? Die Antwort läßt sich in vier Punkten geben: Erstens wurden neue Flugzeuge angeschafft; zweitens machen tarifpolitische Änderungen der Flug- und Ruhezeiten zugunsten des fliegenden Personals zusätzliche Einstellungen nötig; drittens bedingen schnellere Umlaufzeiten der Flugzeuge, also höhere Frequenzen im in- und ausländischen Verkehr, einen größeren Personalbedarf; und viertens verlassen jedes Jahr ungefähr 250 Stewardessen und Stewards die deutsche Airline. Diese vier Gegebenheiten und eine wahrscheinliche Expansion der Lufthansa in nächster Zeit machen die 1000 Neueinstellungen zwingend notwendig. Doch wie ist das zu schaffen?FLUG REVUE + Flugwelt besuchte Ursula Tautz, die zuständige Abteilungsleiterin für die Einstellungen von Stewardessen und Stewards, um von ihr zu erfahren, welche Möglichkeiten junge Menschen haben, um diesen Traumberuf zu erreichen, und wer von vornherein keine Chancen hat. Ursula Tautz ist selbst viele Jahre bei PanAm und der Lufthansa geflogen. Sie war die persönliche Stewardeß von Bundeskanzler Adenauer und hat Tausende von Flugbegleitern eingestellt und ausgebildet und so das Image des Lufthansa-Services wesentlich mitgeprägt. Sie sagt: "Wir brauchen junge Damen und Herren, die ganz realistisch denken, denn sie müssen einen großen Haushalt über den Wolken führen. Die Bedingungen dafür sind nicht ganz einfach, aber nicht unerfüllbar. Stewards und Stewardessen sind Repräsentanten ihrer Gesellschaft. Sie stehen praktisch an der Front unseres Unternehmens und im engsten Kontakt mit unseren Passagieren, mit unseren Kunden. Die Konkurrenz der einzelnen Flugunternehmer besteht auch und vor allem im Service. Alle großen Fluglinien haben annähernd denselben Flugzeugpark und oft dasselbe Streckennetz. Der Wettbewerb über den Wolken kann nicht nur von Kaufleuten, Piloten und Technikern, er muß auch mit einem ausgezeichneten Service, mit dem Charme und Können des Kabinenpersonals gewonnen werden." Die Voraussetzungen, bei der Deutschen Lufthansa als Steward oder Stewardeß eingestellt zu werden, sind, grob gesagt, folgende: Alter zwischen 19 und 28 Jahren. Es soll zumindest ein mittlerer Bildungsabschluß vorhanden sein; Abitur ist selbstverständlich besser. Erwartet werden außerdem eine gewandte Ausdrucksweise in der englischen Sprache und gute Kenntnisse in einer weiteren Fremdsprache. Wer also, außer Englisch, vorzugsweise Spanisch, Französisch oder Portugiesisch spricht, hat eine zusätzliche Chance. Die Damen müssen zumindest 1,60 m, dürfen aber nicht größer als 1,80 m sein. Die Herren sollen möglichst 1,68 m, aber nicht größer als maximal 1,90 m sein. Dazu ergänzend Ursula Tautz: "Eine ganz wichtige Sache ist, daß das Körpergewicht unseren Vorstellungen entspricht. Wir verlangen bei den Damen, daß die Körpergröße in Zentimeter minus der Zahl 110 in Kilogramm auf die Waage gebracht wird. In dieser Hinsicht sind wir ausgesprochen pingelig. Auch bei den Herren soll das Körpergewicht in angemessenem Verhältnis zur Größe stehen. Ich brauche wohl nicht sonderlich zu betonen, daß der Gesundheitszustand der Bewerber in Ordnung sein muß, also keine angeborenen Organschäden, keine allergischen Erkrankungen, keine Erkrankungen der Haut. Brille und Kontaktlinsen dürfen getragen werden. Wer zunächst einmal diese Voraussetzungen erfüllt, sollte auf jeden Fall den Mut haben, sich bei uns zu bewerben." Damit die jungen Damen und Herren, aber auch deren Väter, sofern sie Leser von FLUG REVUE + flugwelt sind, eine erste Vorstellung davon bekommen, was man als Flugbegleiter verdienen kann, hier einige Angaben aus dem Tarifvertrag: Während der siebenwöchigen Ausbildung beträgt die Beihilfe pro Monat DM 600. Im fliegerischen Einsatz staffelt sich die Vergütung nach Dienstjahren: Im 1. Dienstjahr DM 1880, Im 2. Dienstjahr DM 2030, Im 3. Dienstjahr DM 2180, Im 4. Dienstjahr DM 2330, Im 5. Dienstjahr DM 2480, Im 6. Dienstjahr DM 2630, Im 7. Dienstjahr DM 2705, Im 8. Dienstjahr DM 2780, Im 9. Dienstjahr DM 2855, Im 10. Dienstjahr DM 2930, Im 11. Dienstjahr DM 3005, Die Vergütungen werden 13mal jährlich gezahlt; es handelt sich um Bruttobeträge. Während des fliegerischen Einsatzes übernimmt die Lufthansa die Übernachtungskosten und zahlt Tagesspesen. Im Tarifvertrag sind ferner elf freie Tage im Monat am Einsatzort Frankfurt/Rhein-Main vorgesehen. Der Jahresurlaub beträgt 32 Kalendertage. Und auf noch etwas ganz Wichtiges und sehr Reizvolles weist Ursula Tautz hin: "Nach einem halben Jahr können unsere neuen Mitarbeiter ihre privaten Flugreisen weltweit, auf all unseren Strecken, für nur 10 Prozent des effektiven Flugpreises durchführen. Daß auch die Angehörigen zu bestimmten Konditionen mit einbezogen sind, ist selbstverständlich. Aber das im einzelnen hier darzulegen, würde zu weit führen. Mir geht es im wesentlichen darum, alle jungen Leute, die sich durch diesen Bericht angesprochen fühlen und die Voraussetzungen erfüllen, sehr herzlich zu bitten, mir zu schreiben. Eine Antwort kommt bestimmt, vielleicht gleich in Verbindung mit einer Einladung zu einem Vorstellungsinterview." FLUG REVUE + Flugwelt greift die Gelegenheit beim Schopfe und veröffentlicht, als gutgemeinte Bewerbungshilfe sozusagen, jenen im allgemeinen unter Verschluß gehaltenen Katalog, der von Psychologen, Ärzten, Chefstewards und Managern aufgestellt wurde und das Kriterium bildet, ob jemand angenommen oder abgelehnt wird. Wer also demnächst Ursula Tautz oder ihren anderen Kollegen gegenübersitzt, um in einem Interview geprüft zu werden, sollte wissen, was unter die Lupe genommen wird. Es sind dies 37 Punkte: 1. Erscheinungsbild 2. Sprachkenntnisse 3. Höflichkeit 4. Freundlichkeit 5. Aufmerksamkeit 6. Geduld 7. Gedächtnis 8. Sicherheit im Auftreten 9. Gewandtheit im Kontakt, Geschicklichkeit in der Ausdrucksweise 10. Kontaktfähigkeit, -freudigkeit 11. Kontaktaktivität, persönliches Engagement 12. Einfühlungsvermögen 13. Taktempfinden 14. Anpassungsbereitschaft 15. Reaktionsfähigkeit 16. Anstrengungsfähigkeit, -bereitschaft 17. Verhandlungsgeschick 18. Improvisationsgabe 19. Belastbarkeit, Durchstehvermögen 20. Verständnis, Toleranz 21. Teamwork 22. Sorgfalt, Genauigkeit in der Arbeitsdurchführung 23. Manuelle Geschicklichkeit 24. Vorausplanung, Übersicht in der Servicegestaltung 25. Humor 26. Durchsetzungsvermögen 27. Disziplin 28. Selbstkritik, Selbstkontrolle 29. Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewußtsein 30. Ruhe, Gelassenheit 31. Charme 32. Ideenreichtum 33. Kontrolle der Körperhaltung und Bewegung 34. Fundierte Sachkenntnisse 35. Diplomatie 36. Hilfsbereitschaft 37. Pünktlichkeit Fußend auf diesen 37 Punkten verfährt das Einstellungsteam der Deutschen Lufthansa bei der fachlichen Eignungsuntersuchung nach folgendem Schlüssel: Gesichtsschnitt: Ein normal proportioniertes Gesicht wird vorausgesetzt. Bei optisch nicht vertretbaren Unregelmäßigkeiten des Gesichts ist Anforderung nicht erfüllt. Unzulänglichkeiten müssen kosmetisch korrigierbar sein. Figur: Eine der Körpergröße und dem Knochenbau angemessene Proportionierung wird vorausgesetzt. Die Anforderung ist nicht erfüllt bei zu starker bzw. zu geringer Oberweite, bei zu breiten Hüften. Beinform: Gerade Beine und eine der Körpergröße und Figur angemessene Beinform wird vorausgesetzt. Die Anforderung ist nicht erfüllt bei starker O- oder X-Beinbildung. Hautbeschaffenheit: Bei Aknehaut, blühend oder ausgeheilt stark vernarbt, ist Anforderung nicht erfüllt. Allerdings sind kosmetisch abdeckbare Hautfehler vertretbar, z. B. Sommersprossen, Pigmentstörungen oder etwas fleckigflechtige Haut. Körperliche Einschränkungen: Eine uneingeschränkte körperliche Verfassung und Optik werden vorausgesetzt. Die Anforderungen sind nicht erfüllbar bei Augenfehler (Schielen), Hörfehler, Sprachfehler (Stottern, starkes Lispeln). Mimik/Gestik: Entspannt-verbindliche, situationsangepaßte und kontrollierte Mimik, ausgewogene Gestik werden erwartet. Die Anforderung ist nicht erfüllt bei vorwiegend starrer, verschlossener, gelangweilter, abweisender Mimik, zu bewegtem Minenspiel, u. a. Stirnkrausen, Naserümpfen, Mundbewegungen, häufigen ruckartigen Kopf- und Körperbewegungen, häufigem Wechsel der Sitzstellung, übertriebener Hand- und Finger-"Sprache". Bei nicht erfüllter Anforderung werden Bedenken geäußert. Eine Absage erfolgt nur, wenn weitere Anforderungen nicht erfüllt sind. Sprechmotorik: Flüssige und klar verständliche Sprechweise wird erwartet. Die Anforderung ist nicht erfüllt bei zu stockender bzw. zu überhasteter Sprechweise, extrem monoton-ermüdender Sprechweise, zu leiser bzw. zu lauter, schriller Stimme. Einstellung zur Pflege des Äußeren: Gepflegtes Erscheinungsbild wird vorausgesetzt. Gepflegte Haare, Kleidsamkeit der Frisur, des Haarschnitts, des Bartes. Es wird auf Hand- und Nagelpflege geachtet. Weist die Pflege Mängel auf, ist die Körperflege vernachlässigt, sind die Anforderungen nicht erfüllt. Allgemeine Umgangsformen: Zu beurteilen ist, in welchem Ausmaß und mit welcher Beständigkeit der Bewerber gesellschaftliche Regeln und Umgangsformen beachtet, welche Zuvorkommenheit, Rücksichtnahme und Selbstkontrolle er sowohl in den Formulierungen als auch Verhaltensweisen zeigt, u. a.: - das "Wie" der Begrüßung, namentliche Vorstellung - Aufnahme unterstützender Hinweise. - Kontrolle der Körperhaltung, Sitzstellung - Kontrolle der Lautstärke, des Sprechens, des Lachens Entgegenkommen und Interesse Mitbewerbern gegenüber - Blickkontakt - Höflichkeit in der Wortwahl Verbindlichkeit in den Formulierungen - Steuern des Redeflusses - Wahrung der Distanz - Steuerung Freude/Überraschung/Enttäuschung - Aufnahme des Wiege- und Meßvorgangs - das "Wie" der Verabschiedung. Nichtbeachtung der Umgangsformen schließen eine Anstellung aus. Gesprächskontakt: (Lebhaftigkeit, Gleichgültigkeit, Agressivität) Zu beurteilen ist, wie sich der Bewerber auf Fragen und Hinweise einstellt, in welchem Ausmaß er sich aktiv am Gespräch beteiligt und mit welcher Gelassenheit er auch kritische Gesprächspassagen bewältigt. Hält sich der Bewerber in der Unterhaltung stark zurück und wirkt verärgert und unzufrieden, oder braucht der Bewerber wiederholte Anstöße oder wirkt eher gleichgültig, dann ist der Bewerber abzulehnen, dann sind die Anforderungen nicht erfüllt. Soweit der Katalog von Voraussetzungen, die verdeutlichen, was der Fluggast von heute von gut geschultem Kabinenpersonal erwartet. Die Qualität der Mitarbeiter in den Flugzeugen beginnt bereits mit diesen Voraussetzungen, die von der Lufthansa in jahrelangen Forschungen entwickelt wurden und als unerläßlich gelten. Daß die Bewerber herzlich und höflich empfangen werden, ist selbstverständlich. Das Auswahlverfahren wird bei aller Genauigkeit der Prüfungen wohlwollend und tolerant durchgeführt. Wer also einen modernen Arbeitsplatz in den superschnellen Jets sucht, wer Liebe zum Fliegen hat, sollte sich dieser Aufgabe unterziehen. Die Welt der Lufthansa ist groß: fünf Kontinente, 68 Länder und 115 Städte sind die Ziele, die Flugbegleiter bei ihrer Arbeit erreichen. Natürlich ist dieser Beruf verantwortungsvoll, aber er ist auch vielseitig und lebendig. Leser der FLUG REVUE + flugwett haben meist im weitesten Sinne mit Luftverkehr zu tun. Aber sie sind auch Eltern. Vielleicht lohnt es sich, diesen Bericht als Anregung an die jüngeren Familienmitglieder weiterzugeben. Dieter Riwola Home | Update | LATEST ISSUE | Gallery | FR Inside | Datafiles | FR 11/77 Copyright 1977/2002 by Motor-Presse Stuttgart. All rights reserved. Last updated 4 November 2002 FLUG REVUE, Ubierstr. 83, 53173 Bonn, Germany |