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Erprobungssstand des MRCA-Programms TORNADOMit neun Prototypen und drei Vorserienmaschinen steht das Programm des trinationalen MRCA Tornado in der Abschlußphase der Erprobung. Die Produktion von Baugruppen für die ersten Serienmaschinen ist in den beteiligten Firmen bereits angelaufen. Vor kurzem erfolgte die Übertragung der Verantwortung an die Panavia GmbH als Alleinauftragnehmer auch für Triebwerke, Ausrüstung und die Mauser-Bordkanone.Mit dem Wechsel des NATO-Konzepts von der Massiven Vergeltung" zur Flexiblen Reaktion im Jahre 1967 war für die europäische Flugzeugindustrie zum ersten Male seit 1945 die Stunde der großen Herausforderung gekommen. Als der Cheftestpilot von British Aircraft (BAC) Paul Millett am 14. August 1974 auf dem Flugplatz Manching bei Ingolstadt zum ersten Male das Projekt Panavia 200 (MRCA) flog, war noch alles offen. Nur die vorschnellen Massenmedien sprachen und schrieben bereits schon vom größten europäischen Waffengeschäft des Jahrhunderts. In Wirklichkeit und im wahrsten Sinne des Wortes hing noch alles in der Luft - einsam wie der britische Cheftestpilot während seines Erstfluges über Bayern. Nur die Militärs unter den Zuschauern hatten fest umrissene Vorstellungen über die Eignungskriterien für das neue primäre Kampfsystem der Luftwaffe. Sie lauteten: 1.) Aktionsradius, 2.) Zuladung, 3.) geringe Böenempfindlichkeit, 4.) elektronische Ausrüstung, 5.) Start- und Landestrecken, 6.) Manöverleistungen und 7.) geometrische Größe. Der Inspekteur der Luftwaffe, General Limberg, hat diese Forderungen in drei Gruppen allgemeinverständlich zusammengefaßt. Da ist zuerst einmal die Fähigkeit, konventionelle Munition in ausreichender Menge bei jedem Wetter - auch bei Nacht und Nebel - mit der für konventionelle Waffen erforderlichen Treffgenauigkeit ins Ziel zu bringen. Das bedingt einen sehr hohen Avionikaufwand. Die zweite Leistungsforderung betrifft die Überlebensfähigkeit während des Einsatzes. In Anbetracht der Entwicklung der bodengebundenen Flugabwehrwaffen muß ein Flugzeug in den 80er und 90er Jahren in der Lage sein, mit voller konventioneller Beladung im Tiefflug - und das sehr schnell - zu operieren. Dies ist nur im automatischen Geländefolgeflug möglich. Die dritte Forderung betrifft die Überlebensfähigkeit am Boden. Sie ist eine fast klassische Forderung der NATO-Verteidigung: die Fähigkeit, von kurzen Reststartbahnen aus operieren zu können. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach werden bei einem gegnerischen Überraschungsangriff zuerst einmal alle Flugplätze teilweise betroffen werden. Mit anderen Worten ausgedrückt, muß die Luftverteidigung in der Lage sein, von Reststartbahnen oder Autobahnabschnitten aus kontinuierlich weiterzuoperieren. Diese Einsatzflexibilität des Tornado war der leitende Gesichtspunkt von den ersten Entwürfen an. Sie beruht auf der Nutzung hauptsächlich zweier Technologien. Erstens: der variablen Geometrie in Verbindung mit wirkungsvollen Hochauftriebshilfen und zweitens, der im RB 199 verwirklichten fortschrittlichen Triebwerkstechnologie (Zweikreis-Triebwerk mit Drei-Wellen-Auslegung, hohem Verdichtungsverhältnis und Nachbrenner). Diese Technologien verleihen dem Flugzeug eine hohe Leistungsfähigkeit in einem breiten Spektrum von Einsatzbedingungen. In den letzten zwanzig Jahren hat die Flugzeugtechnologie auf militärischem und zivilem Gebiet spektakuläre Fortschritte gemacht. Und bei Militärflugzeugen und ihren Triebwerken herrscht - bei bemerkenswerten Leistungssteigerungen - eine Tendenz zur Spezialisierung auf bestimmte Rollen vor. Die technologische Entwicklung der Flugzeuge und ihrer Ausrüstung ging meist schneller voran, als es z. B. bei der Flugzeugbewaffnung der Fall ist. Die Vielseitigkeit des Tornado ist heute die Stärke des europäischen Waffensystems. Die Kosten der Rüstungen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen und belasten die Verteidigungshaushalte vieler Länder in erdrückendem Maße. Daher ist die Tornado heute auch für jene außereuropäischen Luftwaffen besonders attraktiv, die aus wirtschaftlichen und logistischen Gründen nicht mehrere Kampfflugzeug-Typen nebeneinander unterhalten wollen. Zwar würde jede Luftwaffe gern für sämtliche Einsatzrollen ein spezialisiertes und optimiertes Waffensystem beschaffen - aber nur wenige können sich diesen Luxus noch leisten. So steht z. B. die Tornado heute auf der Liste der sechs Kampfflugzeuge, unter denen Kanada sein NFA (New Fighter Aircraft) auswählen wird. Das NFA soll die in Europa eingesetzten kanadischen F-104 ebenso ablösen wie die in Kanada in den Luftverteidigungs- und Luftüberlegenheitsmissionen verwendeten CF-101 und die im taktischen Einsatz an der Nordflanke der NATO stehenden CF-5. Einschließlich Kreislaufreserve und Trainern liegt der Bedarf für die achtziger und neunziger Jahre bei 120 bis 150 Flugzeugen. Auch im fernen Australien interessiert man sich bereits für das neue europäische Mehrzweck-Kampfflugzeug. Für die europäische Flugzeugindustrie ist die in Kürze anlaufende Serienproduktion eln großer Erfolg. Wenn sich die Panavia heute gute Chancen ausrechnen kann, so nicht zuletzt deshalb, weil im TornadoProgramm ein Modell für eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene geschaffeq wurde. So einigte man sich zum Beispiel von Anfang an auf das metrische Maßsystem, ferner auf die englische Sprache, auf die DM als Berechnungsgrundlage und schließlich auf das deutsche Recht. Diese wichtige Koordination für ein Industrievorhaben wurde mit einem Stab von rund 200 Mitarbeitern bewältigt. Die Panavia Aircraft GmbH setzt sich ausfolgender Beteiligung zusammen: MBB 42,5%, British Aircraft Corporation 42,5% und Aeritalia 15%. Am Serienprogramm werden mehr als 500 Firmen und 70 000 Mitarbeiter beteiligt sein. MBB als deutscher Hauptauftragnehmer entwickelte das Rumpfmittelteil: Fertigung und Ausrüstung dieser Hauptbaugruppe füralle Tornados der drei Länder; Konstruktionsverantwortung für wichtige Systeme wie Flugsteuerung, Fahrwerk, Kraftstoffsystem, Integration der Avionik ins Flugzeug liegen ebenfalls in den Händen von MBB. Außerdem werden sämtliche deutschen Tornados bei MBB endmontiert und auch eingeflogen. Auch die vorbereitenden Arbeiten für die Einführung des Waffensystems bei Luftwaffe und Marine, so u.a. das Materialerhaltungskonzept, die Ausbildung, die Dokumentation, logistische Verfahren, in der Nutzungsphase die technische Betreuung und die logistische Unterstützung werden von MBB ausgeführt. Kein anderes Flugzeugprojekt der Welt hatte solche Startschwierigkeiten und ist während der Entwicklungsphase von außen so mit Kritik bedacht worden wie das deutsch-britisch-italienische Mehrzweck-Kampfflugzeug Tornado (MRCA). Trotz aller pessimistischen Stimmen - die Flugerprobung des zweisitzigen Schwenkflüglers befindet sich im fortgeschrittenen Stadium, und mit der Auslieferung des Rumpfmittelteils für Tornado Nr. 16 erreichte MBB einen wichtigen Meilenstein noch im Jahre 1977. Damit gehört die Tornado-Vorserienphase-sie umfaßtsechs Flugzeuge-fürdas Werk Augsburg der Vergangenheit an. Die Augsburger Fertigung diente neben dem Nachweis der seriengerechten Anwendung dieser und anderer Verfahren, auch der Bestätigung und Erprobung des gewählten Montagekonzepts. Wurden die deutschen Tornado-Prototypen und Vorserienflugzeuge bis einschließlich Nr. 13 in Ottobrunn und Manching Nr. 11 noch nach konventionellen Montageverfahren zusammengebaut, so werden von Nr. 16 an sämtliche für die Luftwaffe und Marine bestimmten Flugzeuge auf den Manchinger Montagelinien endmontiert. Das Werk Manching wird somit von Tornado Nr. 16 an die gestellte Programmaufgabe der Endmontage, der Systemprüfung und des Einflugs aller 322 deutschen Tornado-Serienflugzeuge für Luftwaffe und Marine wahrnehmen. Eine Zusammenfassung der nächsten Erprobungsvorhaben steht auf der Seite links. Text: Georg Wegemann Fotos: Wegemann, MBB. Erprobungsvorhabenim Tornado-Programm der nächsten MonateDie neun Prototypen und drei Vorserienrnaschinen haben bis zum 1. März 1978 insgesamt 1584 Flugstunden absolviert. Einer der wichtigsten Punkte der zur Zeit laufenden Testserie ist die Erprobung des operationellen Terrainfollowing-Radars. Laut Panavia GmbH konnte die Funktionsfähigkeit aucfi für kritische Hindernisfälle wie Fabrikschornsteine nachgewiesen werden. In Sardinien werden mit einer mobilen Telemetrieanlage Testflüge mit den verschiedenen Waffenkonfigurationen durchgeführt. Ab Ende April wird in Großbritannien die Trudelerprobung mit eingebautem Trudelschirm und einer zusätzlichen EPU (= Emergency Power Unit - Notversorgungsanlage) anlaufen.Ebenfalls in Großbritannien wird die Luft/Luft-Erprobung der Mauserkanone durchgeführt Außerdem werden in Boscombe Down bei der RAF zusammen mit Piloten aus den beiden Partnerländern Deutschland und Italien erstmals ausgedehnte Erprobungen außerhalb des Verantwortungsbereiches der Industrie durchgeführt. Erste Leistungsdaten aus der Tornado-Erprobung wurden vor kurzem bekanntgegeben.- Danach liegt die Steigzeit von Losen der Bremsen bis auf 30 000 Fuß Höhe (9144 m) bei weniger als zwei Minuten. Die mit den schweren AuBenlasten erzielten Geschwindigkeiten bis zu 600 Knoten (1112 km/h) oder Mach 0.92 demonstrieren eine beachtliche Fähigkeit zu hoher subsonischer Geschwindigkeit bei großer Zuladung. Mit einigen dieser Waffen ist die Tornado auch schon überschallschnell geflogen. Die bisher größte Waffenzuladung betrug nach Angaben der Industrie 16 000 Ib. (7257 kg), das maximale Startgewicht mehr als 56 0001b (25 400 kg). Ein maximales Lastvielfaches von 7,5 g und schnelle Rollmanöver bis 4 g bei voll wirksamer Rollsteuerung geben einen Eindruck von der Wendigkeit und' Manövrierfähigkeit des Flugzeugs. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp Mach 2.Um Mach 2 zu erreichen ' und zu überschreiten, ist eine weitere Leistungssteigerung der Triebwerke RB. 199 nötig, an der bei Turbo-Union intensiv gearbeitet wird, obwohl der ursprünglich geplante Serienschub bereits jetzt erreicht ist. 1981 wird in England die sogenannte Operational Conversion Unit (OCU) aufgestellt, und ab 1981/82 werden die ersten Serienmaschinen an die Luftwaffen ausgeliefert. In Deutschland wird die Marine zuerst mit dem Tornado ausgerüstet.
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