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SEA HARRIER

Eine Attraktion besonderer Art waren während der diesjährigen Air Show in Farnborough die täglichen „Sprungstart"-Vorführungen des neuen Sea Harrier FRS Mk.l. Diese Version wurde von Hawker Siddeley zwar aus dem Standard-Harrier der Royal Air Force und US Marines abgeleitet, sie weist aber dennoch eine Reihe technischer Neuerungen auf. Außerdem entwickelte die Royal Navy neue Einsatztechniken für den Sea Harrier. Schon Mitte 1979 erhält der Fleet Air Arm die ersten Maschinen.

Der weltweite Erfolg des britischen VSTOL-Kampfflugzeugs Harrier, dessen Entwicklung in ihren Grundzügen bei Hawker Siddeley bereits Ende der fünfziger Jahre begann, ist unbestritten. Sie führte in verschiedenen Phasen von der P.1127 über die Kestrel F (GA) Mk.1 zum Harrier GR Mk.1, der ersten Einsatzversion für die Royal Air Force. Am 31. August 1966 flog in Dunsfold das erste von sechs Vorserienflugzeugen, die nahezu ausschließlich für Truppenversuche verwendet wurden. Ihnen folgte schließlich ein erster Fertigungsauftrag, und am 1. April 1969 übernahm die in RAF Wittering stationierte No.1(F) Squadron die erste Maschinen. Der Harrier, der bekanntlich als AV-8A auch bei den US Marines und der Armada Espanol im Truppendienst steht, wurde im Laufe der Zeit ständig verbessert. Die gegenwärtige Serienversion führt die Typenbezeichnung Harrier GR Mk.4. In der Bundesrepublik Deutschland sind zwei Harrier-Einheiten stationiert, und zwar die Nos. 3 und 4 Squadrons in Gütersloh.


Sea Harrier flies

Aufgrund der außergewöhnlichen Start- und Landeeigenschaften des neuen Musters bot sich natürlich auch dessen Verwendbarkeit als bordgestütztes Flugzeug geradezu an. Schon mit der ersten P.1127 (XP831) führte man im Februar 1963 an Bord des 50800 ts-Flugzeugträgers HMS Ark Royal erste Starts und Landungen durch. Zahlreiche Studien und weitere Versuche an Bord verschiedener anderer Schiffe ließen in den nachfolgenden Jahren keinen Zweifel daran, daß der Harrier auch diesbezüglich einsetzbar ist. Sie alle führten zu erfolgversprechenden Ergebnissen und Im Laufe der Zeit zur Entwicklung eines völlig neuen Konzepts.

Die Royal Navy arbeitete seinerzeit zwar entsprechende Pläne aus, stieß allerdings bei der britischen Regierung auf taube Ohren. Der sogenannte Maritime Harrier schien über sein Entwurfsstadium nicht hinauszukommen, bis man sich am 15. Mai 1975 endgültig für ihn entschied. Positiv wirkte sich bei dieser Entscheidung zweifellos auch der amerikanische Beschluß aus, die Weiterentwicklung des Projekts AV-8B für die US Marines voranzutreiben. Nach gründlichen Versuchen mit Modellen verschiedener Maßstäbe und einer entsprechend modifizierten AV-8A wurde das Projekt im September 1976 eingefroren und mit der Konstruktion begonnen. Seitdem werden zwei AV-8A als B-Version umgebaut, deren erste noch vor Ablauf dieses Jahres fliegen soll. Ab 1982 sollen dann auch die ersten von 336 Serienflugzeugen zur Verfügung stehen. Als primäre Unterschiede der AV-BB gegenüber der A-Version gelten ein neues, in exotischen Werkstoffen ausgeführtes Tragwerk mit superkritischem Profil, zwei zusätzliche Unterflügelstationen, ein nach außen versetztes Stützfahrwerk sowie größere Lufteinläufe. Das maximale Startgewicht der AV-SB, die mit einem Pegasus-Triebwerk der Version Mk.104 ausgestattet ist, liegt aufgrund all dieser Änderungen bei über 13000 kg.

Doch zurück zum Sea Harrier, dessen Entwicklung im Mai 1975 endgültig beschlossen wurde. Gleichzeitig gab der seinerzeitige britische Verteidigungsminister, Roy Mason, bekannt, daß die Royal Navy drei 20000 ts-Flugzeugkreuzer als Carrier-Assault Helicopter (CAH) erhalten solle. An Bord dieser neuen Schiffsgattung werden nicht nur Sea Harrier, sondern auch Hubschrauber stationiert sein. Einer von ihnen - die HMS Invincible - steht unmittelbar vor seiner Fertigstellung. Hinzu kommt noch der sogenannte Harrier Carrier, ein fregattengroßer Miniträger der 7200 ts Klasse. Er wird von der britischen Werft Vosper Thorneycroft vorgeschlagen und kann bis zu acht Sea Harrier oder eine aus acht Flugzeugen (Sea Harrier + U-Bootjagdhubschrauber) bestehende Einheit an Bord nehmen.

Völlig neue Möglichkeiten bietet das von Hawker Siddeley und der Royal Navy ausgearbeitete Sprungstartverfahren (Ski Jump Take-off) von entsprechend gestalteten Trägerdecks. Für diesen neuen und relativ einfachen Schanzenstart wird das Jet Capable Ship mit einer 75 m langen und 12 m breiten Piste vorgeschlagen, deren Endsteigung bei 20° liegt. Bereits im August 1977 konnten in RAF Bedford entsprechende Versuche mit dem ein- und zweisitzigen Harrier erfolgreich durchgeführt werden. Die erste Erprobungsphase bestand aus mehr als siebzig Starts von einer 9'-Rampe, deren Startwinkel man bis Mitte 1978 auf 20° steigerte. Alle Versuche verliefen zur vollen Zufriedenheit der Beteiligten, und es hat den Anschein, daß man das Sprungstartverfahren evtl. auch beim landgestützten Harrier anwenden wird. Die Nutzlastkapazität läßt sich damit immerhin um über 30 Prozent erhöhen.

Am 20. August 1978 flog in Dunsfold und unter der Führung von John Farley das erste Musterflugzeug des Sea Harrier FRS Mk.1 (XZ450). Die Royal Navy gab anfangs 24 Maschinen dieser jüngsten Harrier-Version in Auftrag, erhöhte jedoch schon nach kurzer Zeit um weitere zehn Maschinen. Aus finanziellen Gründen verzichtete man von Anfang an auf eine zweisitzige Version des Sea Harrier und will stattdessen einen RAF-Trainer der Version T Mk.4 übernehmen. Hinzu kommen noch zwei zweisitzige Hunter T MUM, die vorerst für Flugversuche mit dem Blue Fox-Radar dienen und später für das Radartraining der Sea Harrier-Piloten verwendet werden sollen. Nach entsprechenden Truppenversuchen mit einer aus sechs Maschinen bestehenden Staffel und unter verschiedenen Bedingungen soll der Sea Harrier Anfang 1980 an Bord der HMS Invincible und HMS Hermes in Dienst gestellt werden. Obwohl erst ein Musterflugzeug fliegt, ist man bei Hawker Siddeley hinsichtlich der Zukunft des Sea Harrier äußerst zuversichtlich. Neben den Luftstreitkräften Indiens und Australiens interessiert sich auch die US Navy für den Sea Harrier, der auch für die U-Bootjagd und die Bekämpfung anderer Seeziele eingesetzt werden kann.

Im Vergleich zur RAF- und USMC-Standardversion unterscheidet sich der Sea Harrier in erster Linie durch ein neues Rumpfvorderteil mit erhöhtem Cockpit. Damit konnten nicht nur die für Trägereinsätze enorm wichtigen Sichtverhältnisse des Piloten entscheidend verbessert werden, sondern es entstand auch mehr Raum für die allgemeine Ausrüstung. Unter dem dielektrischen Radom ist das von Ferranti entwickelte Blue Fox-Radar mit seiner 50 cm-Flachantenne eingebaut, bei dem es sich um ein Zweibetriebsartengerät handelt. Es wurde aus dem Seaspray abgeleitet und war ursprünglich auch für die Navy-Version des Hubschraubers Westland Lynx vorgesehen. Das Blue Fox-Radar ist zwar primär für den Luft-Luft-Einsatz ausgelegt, doch weist es auch für Luft-Boden-Einsätze gute Leistungen auf. Das vom RAF- und USMC-Harrier her bekannte und von Ferranti entwickelte Trägheits-Navigationssystem INAS wird beim Sea Harrier durch das neue Heading Attitude and Reference System (HARS) ersetzt.

Als Triebwerk dient dem Sea Harrier ein Pegasus Mk-104,das einen VSTOL-Schub von 9760 kp abgibt und 27 kg schwerer ist als das Mk.103 des landgestützten Harrier. Dies liegt in erster Linie daran, daß man einige Magnesium-Bauteile aus Korrosionsgründen austauschen mußte. Man dachte auch an die Verwendung des neuen Pegasus 11-35, dessen Erprobung aber erst im nächsten Jahr anläuft. Es entwickelt eine Schubleistung von 10420 kp und ist für die AV-8B vorgesehen. Wegen des um fünf Prozent höheren Luftdurchsatzes wären jedoch auch beim Sea Harrier größere Lufteinläufe mit doppelten Sekundärluftklappen notwendig gewesen.

Die Angriffsbewaffnung des Sea Harrier besteht aus zwei 30 mm-Kanonenbehältern mit je 130 Schuß als rumpfseitige Rüstsätze. Außerdem kann er Kampfmittel bis zu 3400 kg mitführen, zu denen neben konventionellen Spreng- und Brandbomben auch zwei Luft-Luft-Lenkwaffen des Typs AIM-9L Sidewinder gehören. Zur Bekämpfung von U-Booten ist die Luft-See-Version der Lenkwaffe AGM-84A Harpoon vorgesehen.
Text: Hans Redemann
 


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Letzte Änderung: 10. November 2003
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