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QANTAS: DER ANDERE AUSTRALIERAustralier, so die landläufige Meinung, stehen allem, was an Disziplin, Korrektheit und Autorität gemahnt, ablehnend gegenüber. Die staatliche Fluggesellschaft Australiens, die Qantas Airways Limited, straft solche Vorurteile Lügen. Glänzende Sicherheitsrekorde, rigorose Ausbildung und sorgfältige Technik bestätigen es: Qantas, das ist der ganz andere Australier...Für Maler der Klassik war oft die Darstellung des Charakters wichtiger als die rein handwerklich erzielbare Ähnlichkeit des Porträtierten. - Vielen geht es ähnlich, wenn sie sich ein Bild von einer Airline machen. Unbewußt verquicken sie in die Beurteilung einer nationalen Fluggesellschaft ihre Ansichten über Charaktereigenschaften der Menschen, die dieses Unternehmen verkörpern. Etwa nach dem Motto: Saubere Länder haben saubere Flugzeuge. Boeing 747 Wer die Australier gut kennt, der schätzt ihre Gelassenheit, ihre Don't worry-Haltung. Die Abneigung vieler Australier gegen Disziplin und Autorität macht sie ihren Freunden liebenswert. Wenn der australische Handwerker seine Arbeit mit den Worten übergibt: Near enough, mate - that will do (Das wird wohl hinhauen, mein Freund), dann wird er oft vom Fremden als etwas zu genial eingestuft. Aber Verallgemeinerungen treffen oft nicht zu. Seit 58 Jahren führt die australische Fluggesellschaft Qantas die verbreitete Meinung australischer Eigenschaften ad absurdum. Die glänzendsten Leistungen in der internationalen Luftfahrt Beim dreißigsten internationalen Luftfahrt-Seminar in Ottawa im September 1977 übergab der Präsident der Flight Safety Foundation dem Qantas-Vertreter einen Preis mit den Worten: Die bisherigen Leistungen der Qantas sind wahrscheinlich die besten in der Welt der Luftfahrt. Sie spiegeln den außerordentlich hohen Standard wider, den die Qantas für Instandhaltung, Besatzungsausbildung und Flugdurchführung einhält. Es gibt keinen Zweifel: Nur mit viel Sorgfalt in der Technik, rigorosem Training und anhaltend striktem Befolgen aller Procedures läßt sich über mehr als ein halbes Jahrhundert ein ungebrochener Zuverlässigkeitsrekord aufstellen. Hinter der lässigen australischen Art, mit der man Vorgesetzte beim Vornamen anredet oder ihnen gelegentlich sagt: Jump in the lake! (Scher dich zum Teufel!) verbirgt sich im Fall Qantas Disziplin in allen Fällen, in denen Erfolg nur mit Disziplin und Verantwortungsbewußtsein zu erreichen ist. Der kommerzielle Erfolg In den beiden letzten Jahren wurden Profite im Gegenwert von DM 23 Mio. beziehungsweise von DM 33 Mio. erwirtschaftet. (Verluste in den Jahren 1975 und 1976 wurden damit reichlich wettgemacht.) Der Umsatz verdoppelte sich in den letzten fünf Jahren und stieg damit 1978 auf 648 Mio. australische Dollars - das sind rund 1,4 Mrd. Mark. Mit siebzehn Boeing 747 und zwei Boeing 707 und mit Hilfe von 13 000 Beschäftigten wurden 1,5 Mio. Passagiere befördert. Auf den ersten Blick eine relativ kleine Zahl. Sie entpuppt sich jedoch als hohe Leistung, wenn man bedenkt, daß Qantas-Passagiere im Durchschnitt 7400 km weit fliegen! Passagiere anderer Langstrecken-Rivalen bringen es maximal auf einen Durchschnitt von 5500 km (bei Lufthansa 1500 km). Jede Woche verlassen 68 Qantas-Liniendienste Sydney und Melbourne, um 30 Uberseehäfen zu bedienen. 16 operieren auf der Kangaroo-Route nach Europa. Unabhängige Technik Die große Entfernung Australiens von Flugzeugherstellern und Triebwerk-Reparaturwerkstätten zwang die Qantas-Basis in Sydney schon vor vielen Jahren zu optimaler Unabhängigkeit. In Anbetracht der relativ kleinen Flotte konnte völlige Selfsufficiency" nur schrittweise eingeführt und erst 1977 erreicht werden. Einige technische Anlagen übertreffen modernste Einrichtungen in Europa - so z. B. ein in Australien entwickeltes Hochregallager, das vollautomatisch Ersatzteile speichert und abgibt. Im vergangenen Jahr wurden auf der Jet-Basis in Sydney 160 Triebwerke - zumeist Pratt & Whitney JT9D/7F der eigenen 747-Flotte, JT3 der 707 sowie Triebwerke anderer Gesellschaften - überholt. Die letzten zwei 707 verlassen die Gesellschaft jetzt: Sie werden von der Regierung für VIP-Flüge eingesetzt. Die Qantas wird sie technisch weiter betreuen. Vor einiger Zeit wurden sieben 707 an die amerikanische Leasing-Firma AIR-ITEL verkauft, die von dem glänzenden Zustand der älteren Maschinen genau so angetan war wie von den sieben 747, die sie von der Lufthansa kaufte. Beide Verkäufer erzielten aufgrund ihres hohen Instandhaltungsniveaus hohe Preise, die sich in ihren letzten Bilanzen vorteilhaft widerspiegelten. Entscheidung für Rolls-Royce Um große Strecken mit 747-Flugzeugen überbrücken zu können (nur eine Zwischenlandung erfolgt auf der Strecke Sydney - London) und um treibstoff-sparsamer zu fliegen, wechselten mehrere 747-Halter von Pratt & Whitney JT9 auf General Electric-Motoren vom Typ CF6-50 in der E- oder C-Version mit weit über 50000 lb Schub über. Andere warten auf das für 1980 versprochene Pratt & Whitney JT9D-70-B mit 56 000 lb Schub. Die Qantas entschied sich jedoch, ihre beiden 1979 eintreffenden 747 mit Rolls-Royce-Motoren RB.211-524 zu bestücken. Sie haben nur 50000 Ib Schub, sollen aber 1980 auf 53000 lb gebracht werden. Die Qantas betreut eine Reihe kleinerer Airlines im pazifischen Raum und ist in Südostasien im Consulting-Geschäft tätig. Die vor zwanzig Jahren noch bestehende strenge Abriegelung Australiens gegen farbige Einwanderer aus dem Norden ist bei einem Gang durch die Sydney-Jet-Basis nicht mehr erkennbar. Genau wie die Lufthansa konnte sich die australische Gesellschaft für die Instandhaltung ihrer Flotten und für Kontraktarbeiten, die ein Drittel der Werfttätigkeit ausmachen, nicht auf Fachleute aus der Luftfahrtindustrie stützen, da es sie in Australien praktisch nicht gibt. Die ersten Qantas-Lehrlinge gehen jetzt in Ruhestand. Ähnlich wie in Deutschland haben viele australische Betriebe die Lust am Ausbilden verloren. Auch dort werden die jungen Leute in den Schulen intensiver über ihre Rechte als über ihre Pflichten informiert. Australien stöhnt unter dem Mangel an Fachkräften, und die Qantas muß daher die Anzahl der Lehrplätze steigern. In 14 Berufen bildet die Gesellschaft 700 junge Leute aus! Die Lehrzeit beträgt vier Jahre! Der Andrang ist groß. Nur jeder fünfzigste Bewerber bekommt eine Chance. Kein Kaviar - aber nichts gegen Frauen im Viermann-Cockpit Im Gegensatz zum üblichen Dreimann-Cockpit hat die Qantas vier Offiziere an Bord. Der vierte Offizier ist in der Lage, während des Fluges Kapitän, Copilot und Flugingenieur abzulösen. Aber nur im Notfall darf er eine Landung vornehmen. Nach dem Senioritäts-Prinzip rückt er zum Copilot auf und kann frühestens nach 12 Jahren das Kommando übernehmen. Die Qantas-Begründung für den vierten Mann: Wir kommen auf Langstrecken durch Ablösung auf eine bessere Auslastung der Besatzung." Bestimmt spielt auch die Sicherheit eine Rolle. Überall stößt man bei Qantas auf dieses besonders hohe Bedürfnis nach Sicherheit. So dürfen z. B. die vier im Cockpit nicht identische Menüs essen. Fisch und andere Meerestiere sind für alle tabu. Bewerber für die Ausbildung zum Flugzeugführer müssen bei der Qantas eine Lizenz für Privatflugzeuge (PPL) vorzeigen. Und auf die traditionelle Journalisten-Frage, warum auch Qantas keine weiblichen Piloten hat, ist die Antwort seit Jahren gleichbleibend: We would not mind, wir hätten nichts dagegen. Aber bisher hat noch keine junge Dame unsere Aufnahmeprüfung bestanden. Mehr Stewards In der Betreuung an Bord ging die Qantas ebenfalls eigene Wege. 1200 Stewards und nur 300 Stewardessen arbeiten für sie. Früher war das Zahlenverhältnis noch krasser. Die ursprüngliche Begründung: Im Fall einer Notlandung oder Wasserung können Männer besser zupacken. Bisher hatte die erfahrenste Langstrecken-Gesellschaft der Welt erfreulicherweise noch nie Gelegenheit, die Richtigkeit dieser These nachzuweisen. Sorgen, Pläne, Hoffnungen Zu typisch australischen Problemen gehört die Zahl der Gewerkschaften. The country is run by the Unions, sagen die Australier, also: das Land sei von Gewerkschaften regiert. Die Qantas muß sich mit 27 (!) arrangieren. Ein neues Hauptverwaltungsgebäude in Sydney ist seit Jähren im Bau. Streiks über Streiks verzögern die Fertigstellung. Hohe Inland-Flugpreise Es kostet fast so viel, von einem Ende des fünften Kontinents zum anderen zu fliegen, wie von Sydney nach Frankfurt. Ein Hemmnis für die Qantas-Anstrengungen, Tourismus von Übersee zu fördern. Die Quantas drängt daher auf billige Gruppentarife für Touristen. Es ist beabsichtigt, die beiden großen inneraustralischen Fluggesellschaften, Trans Australian Airlines (staatlich) und Ansett Airlines, an das Qantas-Platzbuchungssystem Qantam" anzuschließen, zu dem schon jetzt über 50 Reiseagenten direkten Zugriff haben. Sünden der Bürokratie Landegebühren, Airport Tax und Mieten an den großen Flugplätzen gehören zu den höchsten der Welt. Nicht nur die Qantas leidet unter den hohen Belastungen, die eine aufgeblähte Bürokratie erzeugt. Eine andere Sorge ist für die Qantas der stetig fallende australische Dollar, der Rückzahlungen von Krediten, die in harter Währung aufgenommen wurden, erschwert. Protektionismus Der Qantas wird gelegentlich vorgeworfen, Protektionismus zu betreiben. Aber ihre Kritiker sitzen im Glashaus und verschweigen die Dumping-Preise der Non-IATA Carrier Südostasiens, die den Australiern jahrelang das Leben schwer machten. Antwort auf Laker Als die Qantas Anfang des Jahres im Bund mit Lufthansa und British Airways Billigsttarife ä la Laker einführte und die australische Regierung zögerte. anderen Gesellschaften analoge Tarife zu erlauben und darauf bestand, Laker nicht nach Australien zu lassen, blies den Australiern ein Sturm der Entrüstung ins Gesicht. Singapore protestierte, weil die Billigtarife Stopover in ihrem Stadtstaat ausschließen - angeblich für Singapore ein jährlicher Verlust von 200 000 Touristen. Auch hier waren die Kritiker ungerecht. Vor 30 Jahren musste die Qantas für Rückflug-Tickets Australien - Europa den Gegenwert von zweieinhalb Jahren des dortigen Durchschnittslohnes verlangen. Die neuen Billigsttarife in der Nähe von DM 1200.- repräsentieren nun einen australischen Durchschnittslohn für nur zweieinhalb Wochen! Aber niemand spricht von konsumentenfreundlichen Preisen. Über zwei Millionen Einwanderer kamen nach dem Krieg ins Land. Viele möchten ihre Verwandten häufiger als bisher wiedersehen. Sie werden jetzt dafür sorgen, daß während der schwachen Saison, in der die Qantas und die Lufthansa Billigpreise anbieten, kein Platz leer bleibt. Hotels werden bei Verwandten-Besuchen selten gebraucht. Aber Lakers Ideen für einen Massentourismus nach Australien würden ohnehin vorerst an der dort mangelnden Hotelkapazität scheitern. Im Schlaf nach Australien Für ihre Erste Klasse auf der Kangaroo-Route führt Qantas sogenannte Sleeperettes ein, Liegesitze für alle. Nicht nur - wie bei asiatischen Airlines - für wenige, bevorzugte VIPs. Der Salon auf dem oberen Deck der 747 wird für die neue Business-Klasse eingerichtet. Qantas-Verkäufern fehlt es nie an neuen Ideen: Sightseeing-Flüge über dem Südpol weckten den Pioniergeist vieler Landsleute. Und da Sport groß geschrieben wird und die Australier davon überzeugt sind, die hübschesten Mädchen der Welt zu haben, werden Cricket-Teams und Schönheitsköniginnen gefördert und 747 an Regattenbummler verchartert. Wer das Aufblühen der großen Städte und die rasanten Fortschritte der Industrie in den Jahren nach dein Krieg in Australien beobachten konnte und die über Jahrzehnte anhaltenden Erfolge der nationalen Airline verfolgt hat, muß für Australien und Qantas Airways Limited optimistische Prognosen stellen. Text: W. H. Kuhl
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