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AST-403: ENGLANDS KAMPFFLUGZEUG-PROJEKT

Kommt die Kooperation mit Frankreich und Deutschland?

Eine Reihe von Kampfflugzeugen, wie z. B. Phantom F-4F und F-4E, Jaguar und Harrier müssen in den 90er Jahren von modernen Nachfolgemustern für Luftverteidigungs- und Luftangriffsmissionen abgelöst werden. Über die deutschen Vorstellungen (TKF-90) haben wir in FR 4/79 ausführlich berichtet. Der Militär-Experte Air Vice-Marshal Stewart Menaul beleuchtet das Problem aus britischer Sicht.

In den kommenden Monaten werden Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland zusammenkommen, um über den Entwurf eines neuen Kampfflugzeugs (nicht „Jagdflugzeug“, wie von vielen Kommentatoren beinahe jedes moderne Flugzeug genannt wird)AST-403 zu diskutieren und - hoffentlich auch zu entscheiden. Prinzipiell ist man sich über ein gemeinsames Entwicklungsprogramm bereits einig, aber jedes Land hat noch seine eigenen Ansichten über die Einsatzrollen und die Auslegung des Flugzeugs. Außerdem gibt es noch verschiedene Vorstellungen über den zeitlichen Ablauf der Entwicklung und Einführung des neuen Kampfflugzeugs.

In der Bundesrepublik Deutschland wurden unter der Bezeichnung TKF-90 (Taktisches Kampfflugzeug der 90er Jahre) Entwurfsstudien aufgenommen mit dem Ziel, die deutschen Forderungen für die 90er Jahre zu erfüllen (s. FR 4/79, Red.). Es handelt sich um sehr anspruchsvolle, fortschrittliche Entwürfe mit einer für die Primärrolle Luftüberlegenheit ausgelegten Avionik- und Waffenausrüstung. Ein solches Flugzeug dürfte allerdings teuer werden.

Frankreich untersucht ein Flugzeug auf der Basis der Mirage-Familie, möglicherweise eine weiterentwickelte Mirage 4000 mit verbesserter Leistung, fortschrittlicher Avionik und relativ geringen Kosten.

In Großbritannien wurde schon vor einigen Jahren damit begonnen, Forderungen für ein Nachfolgemuster der Flugzeugtypen Harrier und Jaguar unter der Projektbezeichnung AST 403 zu erarbeiten, das Ende der 80er Jahre eingeführt werden soll. Inzwischen wurden die Vorstellungen etwas modifiziert, und man scheint nun an die Entwicklung zweier Flugzeuge zu denken, eines mit V/STOL oder STOVL-Fähigkeit als Ersatz für die Harrier in den 80er Jahren und das zweite als Jaguar-Nachfolger in einem Einführungszeitraum, der den deutschen Vorstellungen näher kommt. Aber Großbritannien hält sich alle Optionen noch offen.

Es ist natürlich unvermeidlich, daß es in der Beurteilung der Bedrohungssituation, wie sie in zehn Jahren bestehen könnte unterschiedliche Auffassungen gibt, und damit natürlich auch verschiedene Ansichten über die Rolle, bzw. Rollen, die das neue Flugzeug zu erfüllen haben wird. Frankreich und Deutschland, beide ohne Erfahrungen mit operationellen V/STOL-Flugzeugen, sehen keine Notwendigkeit für Senkrechtstart- und Landefähigkeit. Sie halten einen Einsatz von konventionellen oder halbvorbereiteten Pisten aus für möglich, wobei man aber als Einsatzbasis immer einen Haupt-Einsatzflugplatz braucht.

In Deutschland sieht man als Primäraufgabe die Luftüberlegenheitsjagd, da die neuen, nichtnuklearen Flächenwaffen so wirksam gegen Panzer auf dem Gefechtsfeld sind, daß ein neues Flugzeug diese Rolle nicht zu übernehmen brauche und speziell für die Luftüberlegenheitsjagd oder Gefechtsfeldabriegelung vorgesehen werden könne.

Großbritannien sieht einen Bedarf für ein Flugzeug mit STOVL-Eigenschaften für die Luftnahunterstützung von Bodentruppen, was die Fähigkeit zum Einsatz mit nuklearen oder konventionellen Waffen erfordert, vor allem in der ersten Phase eines Angriffs des Warschauer Pakts im zentralen Frontabschnitt. Eine der wichtigsten Eigenschaften jedes Luftnahunterstützungsflugzeugs ist die Fähigkeit, bei jedem Wetter mit Präzisions-Abstandswaffen zu operieren, und das bedeutet fortschrittlichere Infrarot-, Laser- und Millimeter-Radar-Sensoren, um die Zielsuche und Angriffe mit einem Anflug unter allen Wetterbedingungen bei ECM-Bedingungen sicherzustellen. Das Flugzeug sollte auch die Fähigkeit zur Luft-Luft-Verteidigung haben, und es ist unwahrscheinlich, daß irgendein Flugzeug sowohl Luftnahunterstützung als auch Luftüberlegenheitsjagd unter den Kampfbedingungen erfüllen kann, wie sie in den 90er Jahren wahrscheinlich zu erwarten sind.

Wenn man die Verwundbarkeit der NATO-Flugplätze und der Flugzeuge am Boden bei einem Überraschungsangriff des Warschauer Pakts in Betracht zieht, so fällt auf, dass die NATO-Planer nur wiederwillig die sowjetische Doktrin akzeptieren wollen, die den Einsatz nuklearer und chemischer Waffen in der ersten Angriffsphase vorsieht. Hauptziele sind dabei natürlich die NATO-Einsatzflugplätze. Gerade die Rollfelder und Beton-Hangars sind verwundbar durch sowjetische Flugzeuge und Lenkwaffen der neuen Generation, ausgerüstet mit modernsten nuklearen und konventionellen Waffen. Schon heute scheinen die einzigen Flugzeuge, die einen massiven Überraschungsangriff des Warschauer Pakts überleben können, die Harrier zu sein.

Selbst wenn ein Angriff nur auf konventionelle und chemische Waffen beschränkt bliebe, wären die Flugplätze in höchstem Maße verwundbar. Doktrin und Taktik der Sowjets tendieren immer mehr zur Verteidigung ihrer Panzer und motorisierten Infanterie durch dichtgestaffelte Boden-Luft-Lenkwaffen und Flugabwehrkanonen großer Genauigkeit und Zerstörungskraft, so daß die Kampfflugzeuge sich auf den Angriff gegen primäre Ziele einschließlich der Flugplätze und gegen Objekte im westeuropäischen Hinterland konzentrieren können.

Großbritannien plant, die Leistungen des Harrier GR Mk 3, wie er heute in Europa stationiert ist, durch Ausrüstung mit einem neuen Flügel zu verbessern, der größere Reichweiten, höhere Nutzlast und bessere Manövrierfähigkeit ermöglicht. Neue Luft-Luft-Lenkwaffen sollen für Verteidigungsfähigkeit sorgen, wenn es zu Luftkämpfen bei Erdkampfeinsätzen kommen sollte. Somit dürfte der Harrier zum überlebensfähigsten und effektivsten Luftnahunterstützungsflugzeug der NATO in den 80er Jahren werden. Das Problem ist nur, daß es davon zu wenige gibt.

Falls sich die drei Länder über die Missionen geeinigt haben, die das neue Flugzeug in den neunziger Jahren erfüllen soll, bleiben noch die Probleme des Zellenentwurfs, der Triebwerksund Avionikausrüstung, und die Frage, ob es ein Ein- oder Zweisitzer werden soll. Auch darüber, ob für alle drei zur Debatte stehenden Rollen die Überschallleistung gefordert wird, oder nur für die Luftüberlegenheitsjagd muß entschieden werden, und ob dies in einem Flugzeug möglich ist, das eine STOVL-Fähigkeit haben muß, um unter den künftig zu erwartenden Kampfbedingungen zu überleben, und schnelle und wirksame Luftnahunterstützung für die Bodentruppen, Luftkampfaufgaben und Gefechtsfeldabriegelung leisten zu können. Ein einziger Flugzeugtyp wird alle diese Aufgaben nicht erfüllen können.

Da offenbar außer Großbritannien kein anderes europäisches Land die zunehmende Notwendigkeit für V/STOL oder STOVL-Flugzeuge erkennen will, bestehen die Kooperationspartner Frankreich und Bundesrepublik Deutschland darauf, ein fortschrittliches, aerodynamisch hochentwickeltes Überschallflugzeug zu beschaffen, dessen Stückpreis aber so hoch sein wird, daß man sich nur sehr wenige davon leisten kann. In einem künftigen Krieg in Europa wird die Verlustrate, vor allem in der Anfangsphase, so hoch sein, daß die lebenswichtige Luftnahunterstützung für die hart bedrängten Bodentruppen kaum noch möglich sein wird.

Noch einmal: Mit nur einem Flugzeugtyp können nicht alle Missionen erfüllt werden, die von den Luftstreitkräften in den 90er Jahren gefordert werden. So war auch eine spezielle Version des MRCA Tornado für die Luftverteidigung nötig, obwohl das Flugzeug ursprünglich „Mehrzweck“-Aufgaben erfüllen sollte. Die drei Partnerländer haben also noch viele Probleme zu lösen, bevor aus den Gesprächen ein gemeinsamer Flugzeugentwurf für die 90er Jahre entsteht.
 


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Letzte Änderung: 11. Juni 2004
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