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TORNADO ADVNeues Abfangjäger-Konzept für GroßbritannienNachdem im März 1976 von der britischen Regierung die Aufnahme der Entwicklungsarbeiten an der Luftverteidigungs-Version der Tornado genehmigt worden waren, erfolgte nunmehr - wie bereits gemeldet - in Warton das Rollout des ersten Prototyps. 165 Tornado F.Mk.2 aus dem Gesamt-Beschaffungsvolumen von 385 Einheiten wird die Royal Air Force erhalten, um damit zwei Lightning- und sieben Phantom-Geschwader auszurüsten. Die Royal Air Force steht unverrückbar hinter der Luftverteidigungs-Variante des Mehrzweck-Kampfflugzeuges Panavia Tornado, und es besteht von seiten der britischen Regierung keineswegs die Absicht, die Pläne zur Beschaffung von 165 Flugzeugen dieses Typs im Wert von £ 1,8 Mrd. aufzugeben. Dies wurde am 9. August, als - wie bereits gemeldet - der erste Prototyp der Air Defence Variant Tornado F.2 Rollout auf dem British Aerospace-Werkflugplatz Warton hatte, völlig klargestellt: Air Marshal Sir John Nicholls, Vice-Chief of the Air Staff, trat entschieden Berichten aus den USA entgegen, wonach eine Aufgabe des ADV-Projekts am 15. Oktober anläßlich der britisch-amerikanischen Verteidigungsgespräche in Washington wahrscheinlich ein Diskussionsthema sein sollte. Die US-Berichte hatten unterstellt, die Tornado F.2 würde durch ein amerikanisches Baumuster - entweder durch die McDonnell Douglas F-15 Eagle oder durch die Grumman F-14 Tomcat - ersetzt werden. Als Gegenleistung" würde man auf US-Seite die Erdkampf- und Luftangriffs-Versionen der Tornado beschaffen, um damit die bereits älteren Strike-Flugzeuge vom Typ General Dynamics F-111 der US Air Force abzulösen. Sir John war gegenteiliger Meinung: Die ADV Tornado ist für unsere Pläne hinsichtlich der Luftverteidigung Großbritanniens und der westlichen Küstenlinie der NATO von zentraler Bedeutung, meinte er. Die Unterzeichnung des Serienfertigungs-Vertrages für das erste Tornado F.2-Beschaffungslos wird im nächsten Jahr fällig. Die ersten Nachfolge-Flugzeuge für die bei der RAF Dienst tuenden Phantom und Lightning sollten dann 1985 in Dienst gestellt sein. Auf der Pressekonferenz, die auf die Rollout-Zeremonie folgte, wurde von FLUG REVUE gegenüber Sir John Nicholls zum Ausdruck gebracht, sechs Jahre vom Rollout bis zur Indienststellung beim Geschwader erschiene nun doch als eine sehr lange Zeitspanne für die Einführung eines derart lebenswichtigen Flugzeuges. Wäre es nicht vernünftig, in der Zwischenzeit doch ein amerikanisches Kampfflugzeug wie die F-15 oder die F-14 in Auftrag zu geben? Die Antwort des Air Marshal deutete darauf hin, die Royal Air Force sei nach wie vor dabei, die Gesamtsituation zu überprüfen und behalte sich eine Entscheidung vor. Aber Sir John betonte auch, man habe die F.2 ausgewählt, weil sie unter allen Baumustern, die wir untersucht hatten, ganz klar das beste verfügbare Flugzeug war, das den Anforderungen seiner weitreichenden Einsatzrolle entsprach. Unser Großbritannien-Korrespondent schreibt uns dazu: Wenn je eine Zwischenlösung in Betracht käme, dann würde man höchstwahrscheinlich die F-15 Eagle wählen, weil sie hinsichtlich des Preises näher an der ADV Tornado zu liegen kommt. Die F-14 dagegen ist beträchtlich größer und auch kostspieliger in der Anschaffung. Falls die britische Regierung ausreichenden Druck ausüben sollte, dann könnte die F-15 Eagle bereits im Lauf des Jahres 1982 in Großbritannien in Dienst gestellt werden. Der Einsatz dieses Flugzeugtyps bei der Royal Air Force wäre die eine Lösung; ein weiterer Lösungsweg wäre die Einladung an die amerikanische Seite, eine größere Anzahl von F-15 der US Air Force auf der britischen Insel zu stationieren. In Bitburg in der Bundesrepublik tut bereits ein F-15-Geschwader Dienst und in Soesterberg in den Niederlanden steht eine weitere F-15-Einheit. Alle reservierten Gefühle, die man bezüglich des F.2-Progranuns haben könnte, lassen sich in zwei Fragen zum Ausdruck bringen. Erstens: Kann dieses Flugzeug - angesichts der bestehenden britischen Luftverteidigungs-Lücke - nicht schneller einsatzreif gemacht werden? Zweitens: Stellt die ADV Tornado ein geeignetes Kampfflugzeug für die Central Region der NATO dar? Nach Angaben von British Aerospace sollte es möglich sein, das Indienststellungs-Datum der F.2 entweder durch eine erhöhte Produktionsrate oder durch die Fertigung einer größeren Zahl von F.2-Versionen auf Kosten der Strike-Ausführung der Tornado früher zu erreichen. Eines darf man nicht vergessen: Durch fortlaufende Kürzungen der britischen Verteidigungsausgaben durch die frühere Labor-Regierung wird die Luftverteidigungs-Kapazität Großbritanniens bis zur Einführung der ADV Tornado auf sehr schwachen Beinen stehen. Die F.2 wurde entwickelt, um die Langstrecken-Luftverteidigung der Seestreitkräfte der NATO und den Schutz des britischen Territoriums sicherzustellen und für Luftverteidigungs-Aufgaben in der Zentralregion der NATO zum Einsatz zu gelangen. Die Rolle des Mittelabschnittes der NATO basiert ja auf dem Vertrag von Bonn, der Großbritannien dazu verpflichtet, den norddeutschen Luftraum in Friedenszeiten zu überwachen. Der Rumpf der F.2 wurde gegenüber der Strike-Ausführung der Tornado verlängert, um mehr Treibstoff mitführen zu können. Die dadurch schlanker und aggressiver wirkende Maschine hat die gleiche Triebwerkanlage wie das Ausgangsmuster (zwei Turbo-Union RB.199-34R-04), aber neben der größeren Treibstoff-Kapazität verfügt die F.2 über ein Abfangjagd-Radar von Marconi Avionics und führt vier Sky Flash-Lenkwaffen mittlerer Reichweite mit. Für die drei in das Tornado-Programm eingeschalteten Länder Großbritannien, Bundesrepublik Deutschland und Italien stehen bekanntlich 809 Tornado zur Beschaffung an: Die Royal Air Force erhält 385 Maschinen - davon 165 in der ADV-Version -, 324 Exemplare gehen an die Bundesrepublik und 100 an Italien. Die Gesamt-Programmkosten werden auf £ 7,6 Mrd. beziffert. Die Kosten für die 644 Maschinen der Tornado-Grundversion belaufen sich auf £ 9Mio. pro Einheit, während der Stückpreis der ADV-Ausführung mit £ 10,7 Mio. angegeben wird. Von den 809 geplanten Tornado-Flugzeugen sind jetzt 314 fest in Auftrag gegeben. Auf den Montagestraßen in Warton und in Manching befanden sich im Sommer neun Flugzeuge im Stadium der Endmontage - in Turin wird die Endmontagestraße zur Zeit eingerichtet. ADV-Leistungen In der Einsatzrolle, für die die ADV-Version ausgelegt ist, wird für die Bedienung ihrer umfangreichen Avionikausrüstung und des Abfangjagdradars von Marconi Avionics eine Zweimann-Besatzung benötigt. Das Marconi-Radar ist in der Lage, Mehrfach-Ziele in einer Entfernung von mehr als 185 km zugleich zu erfassen. Die Arbeitsteilung zwischen zwei Besatzungsmitgliedern wird insbesondere für die harten ECM-Bedingungen, die man für einen Kriegsfall berechtigterweise annimmt, als großer Vorteil betrachtet (ECM = Electronic Counter Measures = elektronische Gegenmaßnahmen). Die ADV Tornado hat die Fähigkeit, in einer Entfernung von über 645 km vom Einsatz-Stützpunkt zu operieren - bei Nacht, bei schlechtem Wetter, unter schwierigen ECM-Verhältnissen und gegen Mehrfach-Ziele in niedrigen Flughöhen. Nach Äußerungen von British Aerospace-Firmenvertretern ist die Tatsache von größtem Vorteil, daß die ADV-Version ihre Lenkwaffen im gesamten Flugleistungsbereich abschießen kann und hier nicht Beschränkungen unterliegt, wie sie bei ähnlichen Aufhängevorrichtungen existieren sollen. Das erreichte man durch ein speziell für die Sky Flash entwickeltes, neues Abwurfsystem. Weil sie über umfangreiche Avionik, elektronische Überwachungs-Geräte und Datenübertragungs-System verfügt, wird die ADV in entscheidendem Maß zur Übermittlung von lebenswichtigen Informationen im gesamten taktischen Bereich beitragen. Falls benötigt, könnte eine ADV-Maschine zum Teil sowohl die Rolle eines Frühwarn-Bordradars als auch des Bodenradars übernehmen. Vor Beginn des Angriffs ermöglicht das Visual Augmentation System die Identifizierung der Feindflugzeuge; der Radar-Zielsuch- und Warn-Empfänger wird, wie es heißt, die fortgeschrittenste Anlage dieser Art auf der Welt sein. Das Datenübermittlungssystem ist mit allen anderen NATO-Systemen kompatibel. Was die Start- und Landeleistungen angeht, so wurden eine Startrollstrecke von 760 m und eine Landerollstrecke von 365 m - mit Schubumkehranlage - genannt. Bewaffnung Die neue Luft-Luft-Lenkwaffe Sky Flash der Herstellerfirma British Aerospace (Dynamics Group) bietet gegenüber den heutigen Sparrow-Lenkwaffen bedeutende Vorteile, insbesondere was die Fähigkeit angeht, Ziele auch gegen Festzeichen-Störungen zu erfassen und zwischen nah zusammenliegenden Zielen zu unterscheiden. Ein wesentlich zuverlässigeres Aktivzündersystem gestattet es, diese Vorteile in Angriffen gegen sehr tief fliegende Ziele voll auszuspielen. Die Sky Flash-Lenkwaffe erreicht auch wesentlich bessere ECM-Fähigkeiten als die Sparrow und kann Ziele in einer Entfernung von mehr als 40 km sowohl in großen Höhen als auch in Bodennähe (bis 75 m) angreifen. Zur Selbstverteidigung besitzt die ADV-Version der Tornado eine 27 mm Mauser-Kanone und zwei Sidewinder AIM-9L-Lenkwaffen. Was den Zeitplan des ADV-Programms angeht, so soll der erste Prototyp, der für aerodynamische und Lenkwaffen-Abwurftests verwendet wird, noch im September 1979 Erstflug haben, dürfte also, wenn dieses Heft erscheint, bereits geflogen sein. Auch die Montagearbeiten an zwei weiteren Prototypen, die im nächsten Jahr Erstflug haben sollen, sind bereits weit fortgeschritten. Diese beiden Flugzeuge sollen für die Erprobung der Avionik und des Waffensystems und deren Integration herangezogen werden. Die Auslieferung der ersten Flugzeuge an die Royal Air Force wird bis 1985 erfolgen. Text: Arthur J. Wallis
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