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Die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung operiert weltweit

HILFSFLUG NACH NICARAGUA

Die im Dezember 1956 unter dem damaligen Verteidigungsminister Strauß gegründete Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) ist auf dem Flughafen Köln/Bonn stationiert. Die vielfältigen Aufgaben dieses Verbandes sind in der Öffentlichkeit wenig bekannt und gelegentlich in der Presse Gegenstand von Darstellungen, die den Leistungen dieser Einheit und ihrer Soldaten in keiner Weise gerecht werden. Erst kürzlich wieder versuchte eine Illustrierte den falschen Eindruck zu erwecken, als stünden die großen vierstrahligen Boeing 707 fast ausschließlich dem Bundeskanzler und dessen Stellvertreter und Außenminister für Interkontinental-Flüge zur Verfügung. Dem ist nicht so; Die Aufgaben der Flugbereitschaft sind wesentlich umfangreicher. Unser Autor hat sich auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn orientiert und flog im Cockpit einer 707 auf dem ersten Hilfsflug nach Nicaragua mit.

Schon bald nach Beendigung der Hauptkampfhandlungen in Nicaragua landete die Boeing 707 GAF 1004 der Flugbereitschaft des BMVg auf dem Flughafen der Hauptstadt Managua. An Bord hatte sie 30 Tonnen Milchpulver und Blutkonserven für die unter den Folgen des Bürgerkrieges leidende Bevölkerung. Die Hilfsgüter waren eine Spende des Deutschen Roten Kreuzes, die den Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes in Nicaragua übergeben wurde.

Dieser Flugeinsatz stand unter Führung des Kommandanten Major Riemscheid, der Managua bereits einmal 1972 im Rahmen der Katastrophenhilfe nach dem schweren Erdbeben in Mittelamerika angeflogen hatte. Die Besatzung war für diesen Flug wegen der notwendigen überlangen Flugdienstzeit dieses Umlaufes und für den Fall technischer Schwierigkeiten in einem Lande, in dem mit fremder Hilfe nicht gerechnet werden konnte, auf 12 Personen verstärkt worden. Für das Cockpit waren neben dem Kommandanten zwei 1. Offiziere, zwei Flugingenieure und ein Navigator eingeteilt. Neben drei Stewards,. die für die Betreuung einer an Bord befindlichen Regierungsdelegation und die Besatzung während des Fluges zuständig waren, flogen in der Kabine Flugmechaniker und Lademeister mit.

Die vollbeladene Boeing war von der Besatzung auf dem Flughafen Köln/Bonn übernommen und nach einer Zwischenlandung zum Nachtanken in Gander/Neufundland zur Übernachtung nach Washington geflogen worden. Von dort aus ging früh am Morgen der Flug über den Golf von Mexiko in Richtung Managua.

An Bord waren alle gespannt, wie es am Zielort zugehen würde, denn die Vorabinformationen über die Verhältnisse nach Beendigung der Kampfhandlungen in Nicaragua flossen nur spärlich. Obwohl dies gewiß kein mit besonderen Risiken belasteter Flug war (Kommandant Riemscheid: „Risiken werden nicht eingegangen“), waren doch viele Fragen offen: In welchem Zustand befindet sich der Flughafen? Gibt es schon wieder eine funktionierende Flugsicherung? Wird Treibstoff zum Nachtanken verfügbar sein? Wird die Entladung der Fracht reibungslos ablaufen? Und - nicht zuletzt - wie wird der Empfang sein: freundlich, kühl oder gar mißtrauisch?

Im Anflug auf den, Flughafen Managua erinnerte der Blick auf die Stadt fatal an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg: Ausgebrannte Häuser, zerstörte Fabriken, gesprengte Lagerhallen. Der erste Eindruck nach der Landung: Ein Flughafen als Heerlager. Hunderte von schwerbewaffneten Sandinisten allenthalben, die auch sofort die gelandete Boeing umstellten. Nicht ohne Grund: Die Verantwortlichen rechnen immer noch mit Anschlägen versprengter Somoza-Anhänger auch auf Flughafen und Flugzeuge. Auffallend war die große Zahl von Jugendlichen unter den bewaffneten Kämpfern, Jungen und Mädchen von kaum 14 Jahren in martialisch wirkender Aufmachung. Später wurde uns erklärt, daß die sehr verlustreichen Kämpfe während des Bürgerkrieges die Generation der 18- bis 25jährigen praktisch ausgelöscht habe.

Der Empfang für die Deutschen war trotz des kriegerischen äußeren Eindrucks freundlich, fast herzlich. Selbst der als „Comandante Zero“ durch die Besetzung des Nationalpalastes am 22. 8. 1978 mit Geiselnahme und Freipressung seiner politischen Freunde bekannt gewordene Eden Pastora war zur Begrüßung erschienen. Pastora war einer der Hauptinitiatoren des Umbruchs und ist heute stellvertretender Innenminister von Nicaragua.

Die Nachricht von der Ankunft der Luftwaffen-Boeing hatte sich schnell herumgesprochen. So waren auch einige Bundesdeutsche, die schon seit Jahren in Nicaragua leben und nicht - wie die meisten Deutschen - das Land verlassen hatten, am Flughafen erschienen. Sie organisierten für einen Teil der Besatzung eine Rundfahrt durch Managua und die Umgebung, wobei neben den Zerstörungen die überall noch vorhandenen Sicherheitsposten und Straßensperren auffielen. Auch das kein Wunder: In der Nacht zuvor waren in Flughafennähe zwei sandinistische Revolutionäre von versprengten Nationalgardisten erschossen worden.

Die Entladung der Fracht ging durch den Einsatz von vielen freiwilligen Helfern relativ reibungslos vonstatten. Schwieriger dagegen gestalteten sich die „Verhandlungen“ um die Treibstoffmenge für den Weiterflug der Boeing. Nachdem das Problem mit Hilfe von Angehörigen der Deutschen Botschaft geregelt werden konnte, flog die Besatzung zu einem wohlverdienten Ruhetag nach San Salvador.

Auf dem Flug dorthin beeindruckten die rauchenden Vulkane ebenso wie die zahllosen Gewitter an diesem Tag über Mittelamerika. Im Anflug auf El Salvador war ein Gewitter nicht mehr zu umfliegen, und prompt sorgte ein Blitzeinschlag in der rechten Tragfläche für „Abwechslung“. Nach der Landung waren die Spuren dieses Ereignisses an den geschwärzten Nieten einer Triebwerkverkleidung sichtbar.

In El Salvador wurde die Besatzung von Angehörigen der Deutschen Botschaft zur Betreuung in Empfang genommen. Nach der vorgeschriebenen Ruhezeit führte die Reise am übernächsten Tag Flugzeug und Besatzung noch einmal über Managua nach Washington. Während des Zwischenaufenthaltes von drei Stunden auf dem Dulles Airport wurde die Boeing mit Nachschubgütern für die Bundeswehr beladen und dann non-stop nach Köln/Bonn zurückgeflogen.

Zwischen Start und Landung auf dem Heimatflughafen waren nur 95 Stunden vergangen. In der reinen Flugzeit von 26,5 Stunden wurden insgesamt 20700 km zurückgelegt und 145 Tonnen Treibstoff verbraucht.

Der besondere Streß eines solchen Einsatzes für die Besatzung wird deutlich, wenn man weiß, daß der Rückflug mit zwei Zwischenlandungen in Managua und Washington eine Flugdienstzeit von rund 19 Stunden und eine reine Flugzeit von 14:40 Stunden erforderte. Berücksichtigen muß man dabei die Belastung durch den Zeitzonenwechsel und die schnell wechselnden klimatischen Verhältnisse. Die Außentemperaturen beim Abflug und bei der Landung in Köln/Bonn lagen bei ca. 18 Grad, die Temperaturen jenseits des Atlantiks bei sehr hohen Luftfeuchtigkeiten bei 35 Grad.

Flugbereitschaft: Was ist das eigentlich?

Die Flugbereitschaft des BMVg ist ein Lufttransportverband der Bundesluftwaffe, der aus zwei Lufttransportstaffeln besteht: Die 1. Staffel ist ausgerüstet für die Bedienung von Kurz- und Mittelstrecken, die 2. Staffel für Langstrecken. Für Wartung und Pflege des Fluggerätes verfügt der Verband über eine vorbildlich ausgestattete „Technik“ mit entsprechend qualifiziertem Personal und allen auch im zivilen Luftverkehr vorhandenen „facilities“ zur Durchführung eines geordneten und sicheren Flugbetriebes wie Flugsicherung, Flugsicherungsberatung, meteorologische Station usw.

Die Einheit ist militärisch dem Lufttransportkommando in Münster unterstellt. Die allgemeinen Flugaufträge werden vom Staatssekretär des BMVg erteilt, die für militärische Zwecke vom Lufttransportkommando. Die Transportleistungen des Verbandes werden von insgesamt 838 Soldaten und 232 Angestellten und Arbeitern in den Bereichen Flugbetrieb, Bodenorganisation, Technik und Verwaltung erbracht.

Seit dem Bestehen der Flugbereitschaft wurden weit mehr als 750000 Passagiere und über 73000 Tonnen Fracht transportiert. 80 Prozent der Personentransporte entfallen auf den militärischen Bereich, Frachtgut wird zu 90 Prozent für militärische Zwecke befördert und nur zu 10 Prozent (einschließlich der Hilfsgüter) für zivile. Stellen. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre wurden jährlich ca. 12000 Stunden geflogen.

Die Angehörigen des Verbandes verweisen nicht ohne Stolz auf die Tatsache, daß sie am 18. Mai d. J. auf 200000 unfallfreie Flugstunden im Einsatzflugbetrieb zurückblicken konnten. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, daß von den Flugzeugen der Flugbereitschaft die Boeing 707 und die VFW 614 und deren Besatzungen für Schlechtwetteranflüge der Kategorie II zugelassen bzw. berechtigt sind.

Aufgaben der Flugbereitschaft

Zu den Hauptaufgaben der Flugbereitschaft gehört der Routineflugverkehr zwischen Europa, USA und Kanada. Auf diesen Flügen werden Soldaten, Angehörige der Bundeswehr und deren Familien sowie militärisches Frachtgut zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Ausbildungseinrichtungen und Bundeswehrdienststellen in Übersee (z. B. El Paso in den USA und Shilo Range in Kanada) transportiert. Ein wichtiger Anlaufpunkt ist der Dulles Airport (Washington International), auf dem die Bundeswehr ein zentrales Sammel- und Umschlaglager für Nachschubgüter, die per Luft befördert werden sollen, mit ähnlichen operationellen Einrichtungen wie auf der Heimatbasis unterhält. Durchschnittlich viermal in der Woche starten die Langstreckenflugzeuge vom Typ Boeing 707 zum Flug über den Atlantik.

Zu den Transportaufgaben zählen z. B. auch Einsätze bei den Übungen der Allied Mobile Force (AMF, die sogenannte „NATO-Feuerwehr“). In kleinerem Umfang werden außerdem Krankentransporte und Luftbildaufträge ausgeführt.

Zusätzlich stehen die Flugzeuge der Flugbereitschaft den Mitgliedern der Bundesregierung zur Wahrnehmung dienstlicher Aufgaben zur Verfügung. Das gleiche gilt für Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundesratspräsident und Bundestagsmitglieder auf Anforderung des Bundestagspräsidenten. Auch alle Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien können die Dienste der Einheit (gegen Kostenerstattung) in Anspruch nehmen. Bei Flügen im Auftrag von Bundesministerien, wie sie insbesondere auf Anforderung des Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für Entwicklungshilfe anfallen, werden die jeweiligen Kosten aus den Etats der Ministerien aufgebracht.

Mehr und mehr werden die militärischen Flugeinsätze unterbrochen durch Einsätze mit humanitärem Charakter. So gab es in den letzten Jahren unbürokratisch und schnell organisierte Anforderungsflüge des Auswärtigen Amtes oder anderer Ministerien in Erdbebengebiete, in Länder, die von Flut- und Hungerkatastrophen heimgesucht wurden, in sonstige Katastrophengebiete und zur Evakuierung von in Not befindlichen Menschen. Über die Tagespresse sind in den letzten Wochen die Fernostflüge zum Transport vietnamesischer Flüchtlinge nach Europa, die Lieferung eines kompletten Feldlazarettes nach Kuala Lumpur, eine Hilfslieferung in die vom Hurrikan „David" verwüstete Dominikanische Republik (Santo Domingo) und die Hilfsflüge für die notleidende Bevölkerung in Nicaragua bekannt geworden, deren erster zu Beginn geschildert wurde.

Die Besatzungen der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung zählen unbestritten zu den Top-Fliegern der NATO. Die Öffentlichkeit sollte beim Lesen tendenziös eingefärbter Berichte bedenken, daß diese Soldaten ihren gewiß interessanten, aber anstrengenden Dienst in erster Linie zur Aufrechterhaltung der Verteidigungsbereitschaft der Bundesrepublik Deutschland leisten. Text: Felix M. Brüll



Flugzeugpark der Flugbereitschaft

Kurz- und Mittelstrecken werden von der 1. Lufttransportstaffel mit folgenden Typen beflogen:
  • 4 x Bell UH-1 D (Hubschrauber), die vor allem kürzere Verbindungsflüge und den Zubringerdienst versehen.
  • 6 x Do-28 DL Skyservant, von denen vier zum PersonenIransport, zwei für Luftbildaufnahmen benutzt werden.
  • 6 x HFB-320. Hansa Jet, ein Mittelstreckenflugzeug für acht Personen.
  • 3 x C-140 Jet Star, achtsitzig, die bereits seit 1962 im Einsatz sind und, sich besonders durch eine große Reichweite auszeichnen.
  • 3 x VFW-614, ein Düsenflugzeug mit einer Kapazität von 40 Plätzen und guten Kurzstarteigenschaften.
Die Langstreckenflüge werden von der 2. Lufttransportstaffel geflogen. Sie verfügt über:
  • 4 x Boeing 707, die bis zu 169 Passagiere oder 30 t Fracht befördern kann. Die Boeing 707 wurden vor zehn Jahren beschafft. Es sind Frachtmaschinen, die mit geringem Arbeitsaufwand durch Einbau von Sitzen in Passagiermaschinen verwandelt oder als Krankenflugzeuge mit Krankentragen ausgestattet werden können.
 


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Letzte Änderung: 22 Dezember 2004
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